Aus dem skurrilen Tagebuch eines jungen Doktors

by Zeichensetzerin Alexa

Bul­ga­kows „Arzt­ge­schich­ten“ auf dem Bild­schirm: „A young doctor’s Note­book & other sto­ries – Aus dem skur­ri­len Tage­buch eines jun­gen Dok­tors“. Schon der Unter­ti­tel ver­rät, in wel­che Rich­tung sich die fil­mi­sche Umset­zung bewe­gen wird – und das ist eine etwas andere als im Buch.

Es ist 1917 als der junge Arzt Vla­di­mir Bom­gard (Daniel Rad­cliffe) nach sei­nem abge­schlos­se­nen Stu­dium eine Stelle in einem Dorf erhält. Ein Kaff, weit und breit kein ande­res Kran­ken­haus, die Ver­sor­gung ist schlecht, die Men­schen müs­sen Kilo­me­ter weit lau­fen, um zu ihm zu gelan­gen. Obwohl er mit 15 Best­no­ten bestan­den hat, fehlt es dem jun­gen Arzt an Erfah­rung. Unbe­hol­fen wirkt sein Auf­tre­ten sei­nen neuen Kol­le­gen gegen­über: der Kran­ken­schwes­tern Pela­geya (Rosie Cava­liero), die einen ein­schüch­tern­den Ein­druck macht, und Anna (Vicki Pep­per­dine), die jede Gele­gen­heit nutzt, um sei­nen Vor­gän­ger Leo­pold Leo­pold­o­witsch zu loben. Der vierte im Bunde ist der Fled­scher (Adam God­ley). Er ist wie das Bin­de­glied aller Betei­lig­ten, wenn auch nur unbewusst.

Der Ernst des Lebens

Bereits bei sei­ner Ankunft muss sich Bom­gard bewei­sen. Immer­hin zählt der erste Ein­druck. Doch schnell muss er fest­stel­len, dass seine neuen Kol­le­gen ent­täuscht sind, ver­wirrt über seine Jugend­haf­tig­keit und Größe, auf die im Laufe der Serie immer wie­der ange­spielt wird. Die Tat­sa­che, dass der große Leo­pold Leo­pold­o­witsch einen beacht­li­chen Bart­wuchs hatte, Bom­gard aber nur ein paar Stop­peln auf­wei­sen kann, macht ihm zu schaffen.
Der Druck, unter dem er steht, ist groß, will er doch wie ein Arzt respek­tiert wer­den. Doch anfangs will es ihm nicht so recht gelin­gen. Nur mit Mühe schafft er es das Bein eines ster­ben­den Mäd­chens zu ampu­tie­ren, eine schwan­gere Frau zu ent­bin­den, ein Luft­röll­chen ein­zu­bauen. Die Sze­nen im Ope­ra­ti­ons­saal sind dabei so skur­ril blu­tig, schau­der­haft, oft­mals maka­ber, dass man nicht hin­schauen mag. Die Art und Weise wie die Geschichte erzählt wird, lädt jedoch ein, die Situa­tio­nen nicht allzu ernst zu nehmen.

Das zukünf­tige Ich und das Morphium

Beglei­tet wird Bom­gard von sei­nem immer wie­der auf­tau­chen­den älte­ren Ich (Jon Hamm), das aus dem Jahre 1934 kommt. Der ältere Bom­gard ist ein erfah­re­ner Arzt und hat bereits viel Ruhm und Ehre genos­sen. Nun steht er vor den Trüm­mern sei­nen Lebens und ver­sucht sein jün­ge­res Ich vor einer Dumm­heit zu bewah­ren: Als der Stress zu groß wird, beginnt der junge Bom­gard Mor­phium zu neh­men. Auf den Geschmack gekom­men, will er nicht mehr dar­auf ver­zich­ten, bis sich seine Gedan­ken nur noch darum dre­hen, wie er das Mor­phium beschaf­fen kann. Das führt so weit, dass der junge Arzt beginnt, den Pati­en­ten Mor­phium vor­zu­ent­hal­ten – was in ihrer Lage bei Medi­ka­men­ten­knapp­heit und feh­len­der Nar­ko­se­mit­tel ein schwe­res Ver­ge­hen ist. Bom­gard jedoch ist in sei­ner Welt so gefan­gen, dass er sich weder um seine Mit­men­schen küm­mert noch um seine Zukunft. Diese wird durch das Auf­tre­ten sei­nes zukünf­ti­gen Ichs dar­ge­stellt: Immer mehr lei­det der ältere Bom­gard, bis er – gezeigt im Sze­nen­wech­sel zwi­schen Gegen­wart und Zukunft – einen Ent­zug machen muss.

Buch vs. Serie

Die Serie, die aus 2 Staf­feln besteht und 8 Epi­so­den beinhal­tet, greift auf die „Arzt­ge­schich­ten“ Michail Bul­ga­kows zurück, nimmt sich jedoch auch das Recht der krea­ti­ven Frei­heit. Hier wer­den die Erzäh­lun­gen über­spitzt umge­setzt, Schwer­punkte neu gesetzt, wei­tere Sze­nen dazu erfun­den. Das in der Serie dar­ge­stellte zukünf­tige Ich exis­tiert in der lite­ra­ri­schen Vor­lage gar nicht, das Mor­phium nimmt in der Serie eine viel wich­ti­gere Rolle ein als in den Erzäh­lun­gen. Gefühle wer­den deut­li­cher dar­ge­stellt, der Span­nungs­bo­gen wird durch erwei­terte Sze­nen gehal­ten. Sogar das Selbst­be­wusst­sein und das Auf­tre­ten des jun­gen Arz­tes ist anders: In der Serie uner­fah­ren, im Buch von Anfang an erfah­ren und respektiert.

Buch und Serie ste­hen sich dies­mal nicht gegen­über, son­dern ergän­zend zuein­an­der. Kei­nes der bei­den Werke möchte man mis­sen – weder das lite­ra­ri­sche, das durch seine sprach­li­che Dichte besticht, noch die fil­mi­sche Umset­zung, die mit skur­ri­len, sar­kas­ti­schen Bil­dern über­zeugt. Wäh­rend diese einen künst­le­ri­schen Anspruch haben, ent­hal­ten die „Arzt­ge­schich­ten“ auto­bio­gra­fi­sche Spu­ren. Am Ende des Buches fin­det sich ein Zeug­nis, in dem beschei­nigt wird, dass Bul­ga­kow in den Jah­ren 1916 und 1917 als lei­ten­der Arzt gear­bei­tet hat. Außer­dem wird ange­ge­ben, wel­che Ope­ra­tio­nen er aus­ge­führt hat. Diese fin­den sich auch in sei­nen Erzäh­lun­gen wieder.

Alexa

Buch: Arzt­ge­schich­ten, Michail Bul­ga­kow, Tho­mas Reschke (Über­set­zung), Luch­ter­hand, 2009, Lese­probe | Serie – Staf­fel 1: A Young Doctor’s Note­book, Jon Hamm, Daniel Rad­cliffe, ca. 100 Min., FSK: 16, UK, 2012, Poly­band | Staf­fel 2: ca. 88 Min., 2013

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1 comment

Der Teufel trägt kein Prada; aber Hörner – Bücherstadt Kurier 20. Januar 2016 - 21:39

[…] Längst hat Harry Pot­ter-Dar­stel­ler Daniel Rad­cliffe in „Die Frau in Schwarz“ (2012) und „A Young Doctor’s Note­book“ (Serie; 2012–2013) bewie­sen, dass sein schau­spie­le­ri­sches Reper­toire über den Zauberlehrling […]

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