Auf der Suche nach dem eigenen Ich?

by Bücherstadt Kurier

Für den Blog zum Lite­ra­tur­fes­ti­val glo­bale° hat sich Stadt­be­su­che­rin Maria Ruko­ver mit einem nicht ganz ein­fa­chen Stück Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung beschäf­tigt: „Jeder muss doch irgendwo sein“ von Dra­gan Veli­kić. Dank einer Koope­ra­tion zwi­schen der Uni­ver­si­tät Bre­men, der glo­bale° und dem Bücher­stadt Kurier könnt ihr ihre Rezen­sion nun auch bei uns lesen.

„Nach der Beichte fühlt sich der Mensch kei­nes­wegs gerei­nigt. Ganz im Gegen­teil. Er fühlt sich wie ein Müll­ei­mer. Nach­dem er sich sei­ner sämt­li­chen bes­se­ren Ver­sio­nen ent­le­digt hat, bleibt er mit der aller­schlech­tes­ten zurück, mit der­je­ni­gen, die man nie­mals und nie­man­dem beichtet.“

Dra­gan Veli­kić gehört zu den wich­tigs­ten zeit­ge­nös­si­schen ser­bi­schen Autoren. Sein neuer, 300-Sei­ten star­ker Roman „Jeder muss doch irgendwo sein“ erschien 2017 im Han­ser Ver­lag und setzt damit seine Erfolgs­ge­schichte auch außer­halb der Bal­kan­re­gion fort.

Pfad der Vergangenheit

1953 in Bel­grad gebo­ren, ver­brachte Veli­kić seine Kind­heit in Kroa­tien. Was damals noch ein Land war, zer­fällt in den 1990er Jah­ren: Gren­zen wer­den gezo­gen, Men­schen flüch­ten aus Orten, in denen sie ihr Leben ver­brach­ten, weil diese Orte auf ein­mal nicht mehr zum eige­nen Land gehö­ren, die Frage der Nation und Natio­na­li­tät steht plötz­lich im Raum. All das erlebt Veli­kić selbst und ver­wen­det dies als Grund­lage für sein neu­es­tes Werk.

Er spricht von sei­ner Kind­heit, zeich­net ein Bild sei­ner Mut­ter, deren all­ge­gen­wär­tige Prä­senz Veli­kić‘ Kind­heit bestimmt. Erst nach deren Tod schafft er es, sich von ihrer All­ge­gen­wär­tig­keit und alles ein­neh­men­den Per­sön­lich­keit zu distan­zie­ren, sich selbst gegen­über­zu­stel­len und den Pfad der Ver­gan­gen­heit zu betre­ten. Dabei begeg­net er Men­schen und besucht Orte sei­ner Kind­heit, stellt erneut die Fra­gen, die damals unbe­ant­wor­tet blieben.

Mit dem Ver­such, die Lücken sei­nes Lebens zu fül­len, lässt Veli­kić zunächst seine Kind­heit Revue pas­sie­ren: der kleine Junge mit dem unzer­brech­li­chen Eifer, den von sei­ner Mut­ter gesetz­ten Maß­stä­ben gerecht zu wer­den, wäh­rend er sich doch nur wünscht, ein ande­res Leben, eine nicht gekannte Frei­heit ohne per­ma­nente Kon­trolle und Zurecht­wei­sung zu erfah­ren. Ein­fach mal mit dem Strom schwim­men, statt immer nur, wie die Mut­ter, gegen ihn anzukämpfen.

In sei­ner Fan­ta­sie durch­streift der kleine Junge an der Hand der müt­ter­li­chen Nach­ba­rin Lisetta die Stra­ßen Thes­sa­lo­nikis, ima­gi­niert im Wasch­kel­ler des Hau­ses auf sei­nem Thron zwi­schen Wasch­be­cken und Kes­sel sei­nen eige­nen Kampf nach einem selbst­be­stimm­ten Leben. Doch erst nach dem Tod sei­ner Mut­ter und einer Reise an die Orte der Ver­gan­gen­heit ent­deckt Veli­kić diese Frei­heit und distan­ziert sich zum ers­ten Mal von sei­nem bis­he­ri­gen Leben.

Veli­kićs per­sön­li­che Erfüllung?

Was zunächst nach einem gewal­ti­gen Fami­li­en­epos einer ver­lo­re­nen Zeit klingt, gestal­tet sich in der Lese­pra­xis als gro­ßes Stück Arbeit: ein kon­fu­ses Gewirr an Hand­lungs­strän­gen, wel­che ent­kno­tet wer­den müs­sen, um vom Haupt­strang nicht abzu­kom­men. Geht es wirk­lich um die Erin­ne­rung an eine ver­lo­rene Zeit, an einen ver­lo­re­nen Ort, an ver­lo­rene Men­schen? Oder han­delt es sich eher um eine Art offe­nen Brief an die neu­ro­ti­sche, zwangs­ge­störte Mut­ter, die das Übel aller Leer­stel­len im Leben des Autors zu sein scheint?

Prä­gende Figu­ren in Veli­kić‘ Leben wer­den emo­ti­ons­los, wie neben­bei abge­han­delt. Wie emp­fand seine Schwes­ter die Tyran­nei der Mut­ter? Wes­halb war der Vater nur eine Neben­fi­gur in sei­nem Leben? Warum ver­liert er die Nähe zu Lisetta, sei­nem Fels in der Bran­dung im Sturm des Cha­rak­ters der Mut­ter? Viel­leicht ist der Roman eine per­sön­li­che Erfül­lung für Veli­kić, in dem er es schafft, sich von sei­ner eige­nen Ver­gan­gen­heit zu distan­zie­ren. Die lite­ra­ri­sche Umset­zung und der Ver­such, das Nost­al­gie­ge­fühl einer ver­lo­re­nen Zeit her­auf­zu­be­schwö­ren, sind dabei jedoch weni­ger erfolgreich.

Ein Roman, der in der Bal­kan­re­gion groß gefei­ert wird, außer­halb die­ser Regi­ons­gren­zen jedoch schwer zugäng­lich ist. Für ein nicht-jugo­sla­wi­sches Publi­kum sicher­lich eine The­ma­tik, die nicht greif- und fühl­bar ist wie für ein ser­bi­sches, kroa­ti­sches, bosnisches.

Jeder muss doch irgendwo sein. Dra­gan Veli­kić. Über­set­zung: Mascha Dabic. Han­ser Ver­lag. 2017.

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1 comment

„Vielleicht können wir uns in der Mitte treffen.“ – Bücherstadt Kurier 2. Dezember 2017 - 17:19

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