Auf dem bunten Auge blind? #OwnVoicesBK

by Worteweberin Annika

In all deinen FarbenWorte­we­be­rin Anni­kas Erwar­tun­gen an Bolu Baba­lo­las Sto­ries „In all dei­nen Far­ben“ waren so wie die Kau­gum­mi­blase auf dem Cover: groß und rosig. Doch Kau­gum­mi­bla­sen nei­gen ja bekannt­lich dazu zu platzen.

„In all dei­nen Far­ben“ hat mich auch auf Grund des bun­ten und coo­len Covers direkt ange­lacht. Dazu ein wirk­lich span­nen­des Kon­zept: Die Autorin hat sich afri­ka­ni­sche, grie­chi­sche und asia­ti­sche Mythen zur Vor­lage genom­men und dar­aus moderne Lie­bes­ge­schich­ten mit star­ken Frau­en­fi­gu­ren ent­wi­ckelt. Dabei wan­dert sie zwi­schen der Gegen­wart und der Ver­gan­gen­heit und zwi­schen den Kon­ti­nen­ten, the­ma­tisch aber bleibt ein Ruhe­pol bestehen.

Love is in the Air

Der Fokus aller Sto­ries liegt auf der Liebe. Und zwar, das zumin­dest deu­tet der Titel des Ban­des an, auf der Liebe „in all ihren Far­ben“. Aller­dings erwarte ich von Sto­ries, die in der heu­ti­gen Zeit die­ses Ver­spre­chen geben, mehr. Mehr Diver­si­tät als nur eine queere Geschichte zum Bei­spiel, näm­lich die von Nofre­tete und Ma’at, die in einem Nacht­club ange­sie­delt ist. Da Baba­lola die Geschich­ten stark über­ar­bei­tet hat, wäre es auch unpro­ble­ma­tisch gewe­sen, aus ursprüng­li­chen Män­ner­fi­gu­ren Frauen zu machen oder andere queere Figu­ren unter­zu­brin­gen, zumal ihre drei eige­nen Geschich­ten, die den Band abschlie­ßen, ohne Vor­lage auskommen.

Aber ich erwarte mir auch mehr als Lie­bes­kli­schees, mehr als Hap­py­en­dings am lau­fen­den Band. Ich erwarte uner­wi­derte Liebe, ent­täuschte Liebe, Selbst­liebe. Und ich erwarte nicht nur die Liebe zwi­schen jun­gen Men­schen, die fri­sche Ver­liebt­heit, son­dern auch alternde Liebe, Liebe zwi­schen Eltern und Kin­dern oder Freund*innen. Die Liebe ist bunt, aber in die­sen Sto­ries ist sie es mei­ner Mei­nung nach nicht. Hier tref­fen junge, unab­hän­gige Frauen auf junge, gut­aus­se­hende Män­ner, ver­lie­ben sich – und kom­men zusam­men, Ende der Geschichte (mehr oder weniger).

Wer ist hier stark?

Im Ver­gleich mit tra­dier­ten Mythen zeigt Baba­lola sehr starke Frauen: Krie­ge­rin­nen, Kämp­fe­rin­nen für die Gerech­tig­keit, Kar­rie­re­frauen. Auch in der Liebe haben sie das Heft in der Hand. Sie tref­fen die Wahl, wel­che Män­ner ihnen gefal­len, been­den Bezie­hun­gen, stel­len sich selbst an erste Stelle. Im Ver­gleich zu Figu­ren in ande­ren Neu­erschei­nun­gen sind diese Frauen aller­dings nicht unge­wöhn­lich, son­dern das, was viele Leser*innen inzwi­schen gewohnt sind und erwarten.

Das fällt ins­be­son­dere des­we­gen auf, weil die hier adap­tier­ten Erzäh­lun­gen mir zum Groß­teil gar kein Begriff sind. Auto­ma­tisch ver­glei­che ich also die selbst­be­stimmt agie­rende Attem, die sich auf dem Markt ihre Lieb­ha­ber aus­wählt, nicht mit Attem aus der nige­ria­ni­schen Volks­weise „Ituen und die Frau des Königs“, son­dern mit Frauen aus heu­ti­gen Roma­nen. Ver­stärkt wird das dadurch, dass Baba­lola viele der Erzäh­lun­gen in die heu­tige Zeit umge­sie­delt hat. Psy­che zum Bei­spiel ist Aphro­di­tes Assis­ten­tin bei der Mode­marke „Olymp“, han­tiert mit Coffe-to-go-Bechern und fin­det durch einen erfolg­rei­chen Pitch ihr Glück, auch in der Liebe (natür­lich). Was liegt da näher als ein Ver­gleich mit „Der Teu­fel trägt Prada“ oder ähn­li­chen Roma­nen? Sicher­lich wäre es hilf­reich gewe­sen, den Sto­ries jeweils kurze Zusam­men­fas­sun­gen der ursprüng­li­chen Mythen vor­an­zu­stel­len oder im Nach­wort aus­führ­lich auf die Vor­la­gen einzugehen.

In die­sen Erzäh­lun­gen lohnt sich auch ein Blick auf die Män­ner­fi­gu­ren. Sie sind oft ober­fläch­lich ange­legt – als „Hot­ties“ mit mus­ku­lö­sen Ober­kör­pern, die in engen T‑Shirts oder gleich ganz oben ohne durch die Sze­nen huschen. Zwar erfül­len sie alle das Kri­te­rium, das in die­sen Erzäh­lun­gen an die Liebe gestellt wird und sehen die Frauen, wie sie wirk­lich sind, aber der Schlüs­sel zum Lie­bes­glück scheint in gro­ßem Maße gutes Aus­se­hen und ein Six­pack zu sein.

Hat hier jemand was von bunt gesagt?

Wenn man den Sto­ries auch vor­wer­fen kann, sie wür­den die Liebe mono­chrom dar­stel­len, dann sind sie doch in ande­rer Hin­sicht bunt: durch ihre Her­kunft. Baba­lola ver­sam­melt Mythen aus aller Welt und haucht ihnen neues Leben ein. Zhi­nüs Geschichte bei­spiels­weise spielt in China, wo die Haupt­fi­gur als Popstern­chen durch die Städte tin­gelt und an der Rezep­tion eines klei­nen Hotels ihren Traum­mann fin­det. Attem und Osun sind in Nige­ria ange­sie­delt, andere Geschich­ten in Ghana und Meso­po­ta­mien. Die meis­ten der Figu­ren in die­sem Band sind Schwarz. Ins­be­son­dere bei den drei eige­nen Sto­ries fällt auf, dass Baba­lola sich stark an ihrer eige­nen Lebens­welt ori­en­tiert: Darin zeigt sie junge Schwarze Frauen, die schrei­ben (wol­len), mit guter Bil­dung und gro­ßen Träu­men. Beson­ders bewe­gend in die­sem Band ist sicher­lich die letzte Geschichte, in der Baba­lola von der Liebe ihrer Eltern erzählt, die sie zu „In all dei­nen Far­ben“ über­haupt inspirierte.

Sprach­lich springt Bolu Baba­lola zwi­schen den Regis­tern, wie die Sto­ries sich zwi­schen den Zei­ten und Kon­ti­nen­ten bewe­gen. Mal greift sie den Duk­tus alter Erzäh­lun­gen auf, was eher schwer­fäl­lig wirkt, mal ist ihr Aus­druck sehr modern. Lei­der schlei­chen sich dann auch gehäuft Flos­keln ein, da ist man „trun­ken vor Liebe“, es „pul­siert in den Adern“, die „Liebe keimt in den Her­zen“ und auch „das Ende der Bezie­hung ist vorprogrammiert“…

Bolu Baba­lo­las Erzäh­lun­gen in „In all dei­nen Far­ben“ sind gelun­gen, wenn man sie als Alter­na­tive zu aktu­el­len Roma­nen aus der Sparte Romance liest. Da ich aber unbe­dingt mehr in ihnen fin­den wollte, wurde ich ent­täuscht. Sie sind wie Kau­gummi, ganz nett für einen kur­zen Moment, aber Sah­ne­tört­chen sind sie nicht.

Bolu Baba­lola. In all dei­nen Far­ben. Aus dem Eng­li­schen von Ursula C. Sturm. Eisele. 2022.

Ein Bei­trag zum The­men­jahr #Own­VoicesBK. Hier fin­det ihr alle Beiträge.

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