Ambitioniertes Affentheater

by Worteweberin Annika

Mit „Oh Schimmi“ hat sich die junge Wie­ner Autorin Teresa Präauer die Rede­wen­dung „Sich zum Affen machen“ zur Brust genom­men und dar­aus mit gro­ßen Ambi­tio­nen ein Sprach­thea­ter gezim­mert. Was genau es damit auf sich hat, hat Worte­we­be­rin Annika nachgelesen.

Spra­che statt Handlung

Schimmi Scham­los, eigent­lich Jimmy, lebt mit sei­ner Mut­ter in einem Hoch­haus an einem der vier Enden der gro­ßen Auto­bahn. Seine Zeit ver­bringt er vor dem Fern­se­her, wobei er einen gro­ßen Bogen um Vit­amine macht und zwi­schen Tier­do­ku­men­ta­tio­nen und Ero­tik­sen­dern hin und her zappt. Sein Herz ver­liert er dabei an Zindi, die sich auf der Matt­scheibe räkelt, doch auch Nini aus dem Nagel­stu­dio um die Ecke ist nicht zu ver­ach­ten, fin­det Schimmi.

Viele aktu­elle The­men wer­den in „Oh Schimmi“ in einem Spiel aus Komik und Tra­gik ange­spro­chen: Die Rolle der Medien als Erfah­rungs­quelle, die Prä­senz von Sexua­li­tät in moder­ner Gesell­schaft, Neo­li­be­ra­lis­mus­kri­tik, Ober­fläch­lich­kei­ten, die Groß­stadt, Musik und Popu­lär­kul­tur. Trotz­dem wird die Erwar­tung, es handle sich bei Präau­ers Roman um Pop­li­te­ra­tur, nicht bestätigt.

Was so alles in Präau­ers Roman vor sich geht, ist abstrus: Da wer­den Nagel­stu­dio­mit­ar­bei­te­rin­nen unter dem Bett gefan­gen gehal­ten, Müt­ter ver­ste­cken sich tage­lang in ihrem Schlaf­zim­mer und ein ver­schwun­de­ner Vater taucht genau im rich­ti­gen Moment wie­der auf, um sei­nen Sohn zu ret­ten. Doch auf Plau­si­bi­li­tät wird hier wenig Wert gelegt, denn weni­ger geht es in „Oh Schimmi“ um eine kom­plexe Hand­lung, als viel­mehr um Spra­che. Durch­zo­gen ist der Roman von Angli­zis­men, aber auch von Ver­frem­dun­gen und kurio­sen Wort­neu­schöp­fun­gen, die aus Schim­mis Liebe zum Buch­sta­ben I ent­ste­hen. Sehr nah ist die Spra­che am gespro­che­nen Wort, Rhyth­men und Klänge sind gezielt ein­ge­setzt und erin­nern so an Rap-Musik. Auch das Affen­mo­tiv wird an vie­len Stel­len sprach­lich aus­ge­tra­gen, wenn aus Love „Laff“ wird, aus raf­fen „affen“, aus Effi­zi­enz „affi­zi­ent“... Bei all den Sprach­spie­le­reien und der begrenz­ten Hand­lung schrammt Präauer teil­weise nur knapp am sprach­li­chen Leer­lauf vorbei.

Affen­thea­ter im Dschungel

Lange blei­ben die Lesen­denim Unge­wis­sen, wie die Figur des Schim­mis eigent­lich ein­zu­schät­zen ist. Ist er erwach­sen oder ein Kind? Mit der Ich-Erzäh­lung aus Schim­mis Sicht geht Unzu­ver­läs­sig­keit ein­her. Erst spät kann man des­we­gen erken­nen, dass es sich beim Erzäh­ler um einen Jugend­li­chen mit Behin­de­rung han­delt. Die rührt daher, dass er als klei­ner Junge beim Rodeo vom Schaf fiel. Ziel des Romans scheint es aber nicht zu sein, geis­tige Behin­de­rung zu versprachlichen.

Wich­ti­ger ist das Motiv des Affen, des Dschun­gels. Schon die Umschlag­ge­stal­tung ruft Dschun­ge­las­so­tia­tio­nen wach, und diese wer­den durch Affen­kos­tüme, Schim­mis Trom­mel­klin­gel­ton und Anspie­lun­gen auf den Rum­ble in the Dsch­ungle, einen Box­kampf zwi­schen Moham­med Ali und George Fore­man, wei­ter­ge­führt. Gerade Schimmi, der durch seine Behin­de­rung ein Außen­sei­ter der Gesell­schaft ist, wird im Roman mit dem Affen­mo­tiv ver­bun­den. Das Motiv des Dschun­gels wird hier noch wei­ter durch­ex­er­ziert, bis schließ­lich hin zur Anspie­lung auf den Dschun­gel von Calais, der nicht mehr so recht ins Bild zu pas­sen scheint. Die Frage bleibt, ob es hier ein­fach darum ging, mit der Flücht­lings­the­ma­tik mehr Aktua­li­tät und Bri­sanz zu gewin­nen, oder eine wirk­li­che Aus­sage getrof­fen wird.

Für ihre ers­ten bei­den Romane, „Für den Herr­scher aus Über­see“ und „Johnny und Jean“ erhielt die junge Wie­ner Autorin Präauer bereits einige Aus­zeich­nun­gen. Auch „Oh Schimmi“ erlangte beim Inge­borg Bach­mann Wett­be­werb 2015 viel Auf­merk­sam­keit – mit einem Preis aus­ge­zeich­net wurde der Roman jedoch nicht. Nun ist Präauer mit „Oh Schimmi“ bei der Lite­ra­Tour Nord im Ren­nen um eine Auszeichnung.

Doch wozu nun der Dschun­gel? Bleibt „Oh Schimmi“ blo­ßes Sprach­spiel, ist es Gesell­schafts­kri­tik oder rei­nes Affen­thea­ter? Viel­leicht ist es von allem ein biss­chen. Eines jeden­falls ist sicher: Präauer hat mit „Oh Schimmi“ einen sehr inno­va­ti­ven und aktu­el­len Roman geschrie­ben, der sich auch als ver­meint­li­che „Hoch­li­te­ra­tur“ selbst nicht zu ernst nimmt, jedoch auch einige Schön­heits­feh­ler aufweist.

Oh Schimmi. Teresa Präauer. Wall­stein Ver­lag. 2016.

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1 comment

LiteraTour Nord 2016/17: Ein Rückblick – Bücherstadt Kurier 20. März 2017 - 19:38

[…] Ramms­tedt wa­ren Olga Mar­ty­n­o­va („Der En­gel­herd“), Te­resa Präau­er („Oh Schim­mi“), Be­ne­dict Wells („Vom Ende der Ein­sam­keit“), Kath­rin Röggla […]

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