Aliens: Moderne Monster mit alten Wurzeln #Todesstadt

by Worteweberin Annika

Gemein­sam mit einer Bande zot­te­li­ger Mons­ter und weit­ge­reis­ter Ali­ens hat Worte­we­be­rin Annika ein Raum­schiff bestie­gen, um einen Abste­cher ins „Star Trek“-Universum und ins Mit­tel­al­ter zu machen. Kön­nen wir von den Außer­ir­di­schen viel­leicht etwas lernen?

Sind Ali­ens Mons­ter? Auf diese Frage würde man intui­tiv wohl nur bedingt mit ja ant­wor­ten, in Gedan­ken an beson­ders gemeine Außer­ir­di­sche, die nichts wei­ter im Sinn haben, als die Erde zu zer­stö­ren oder Men­schen zu töten, wie man sie aus den Fil­men „Alien“ oder „Inde­pen­dence Day“ kennt. Die ande­ren – zum Bei­spiel die Besat­zung des Raum­schiffs Enter­prise – erschei­nen alles andere als mons­trös. Trotz­dem gibt es einige Par­al­le­len zwi­schen den Mons­tern, die man im Mit­tel­al­ter kannte und die man viel­leicht bes­ser als Wun­der­völ­ker bezeich­nen könnte, und „hand­zah­men“ Außer­ir­di­schen wie Mr. Spok und sei­nen Freunden.

Mons­ter im Mittelalter

In mit­tel­al­ter­li­chen Erzäh­lun­gen in frem­den Län­dern und in Kar­ten­dar­stel­lun­gen am Rand der bekann­ten Welt behei­ma­tet, erfüll­ten Mons­ter und Wun­der­völ­ker wich­tige Funk­tio­nen für die mit­tel­al­ter­li­che Gesell­schaft. Das lässt sich schon an der Her­lei­tung des Wor­tes „Mons­ter“ von latei­nisch mons­trare („zei­gen“, „deu­tend ver­wei­sen“) und monere („war­nen“) erken­nen. Meis­tens wur­den Wun­der­völ­ker als Teil der gött­li­chen Schöp­fung gewer­tet, der dazu die­nen konnte, die Schön­heit und Viel­falt der Erde zu ver­deut­li­chen. Sie soll­ten die Men­schen dazu brin­gen, eigene Feh­ler zu erken­nen und wur­den teil­weise auch als Vor­zei­chen für zukünf­tige Ereig­nisse ver­stan­den. Eine andere Sicht­weise begriff die kör­per­li­che Abwei­chung der Mons­ter vom Men­schen als Strafe für sün­di­ges Ver­hal­ten, was mit ver­schie­de­nen Her­lei­tun­gen aus der bibli­schen Geschichte ver­bun­den wurde.

Die Bezeich­nung „Mons­ter“ fin­det sich in der gegen­wär­ti­gen Lite­ra­tur und Popu­lär­kul­tur (abge­se­hen von der Ver­wen­dung als Meta­pher für ver­ab­scheu­ungs­wür­dige Men­schen – „Du bist ein Mons­ter!“) vor allem in Medien für Kin­der und Jugend­li­che. Dort sind Mons­ter meis­tens fürch­ter­lich, haben eigent­lich aber posi­tive Eigen­schaf­ten. Die Angst vor ihrem anders­ar­ti­gen Äuße­ren muss über­wun­den wer­den, um ihren freund­li­chen Kern zu erken­nen. Ein Bei­spiel dafür ist das freund­li­che Mons­ter in „Die Wahr­heit über Mons­ter“.

Fremde Wesen aus ent­fern­ten Galaxien

Nor­ma­ler­weise nicht als „Mons­ter“ bezeich­net, kom­men andere Gestal­ten den mit­tel­al­ter­li­chen Wun­der­völ­kern heute sehr nahe. Wie ihre Vor­gän­ger im Mit­tel­al­ter wäh­nen wir näm­lich gegen­wär­tig Ali­ens am Rande des­sen, was wir mit unse­ren Tech­no­lo­gien erfas­sen kön­nen: in den uner­reich­ba­ren Tie­fen des Welt­raums. Was bei Jules Verne noch der Mond und bis in die 1970er Jahre dann der Mars war, sind inzwi­schen weit ent­fernte Gala­xien, in denen mal mehr, mal weni­ger men­schen­ähn­li­che Wesen leben und auf die ein oder andere Weise mit den Erd­lin­gen in Kon­takt treten.

Ali­ens sind dann meist Stell­ver­tre­ter für das Fremde und kön­nen etwa als Meta­pher für unter­schied­li­che Haut­far­ben oder andere sozio­lo­gi­sche Unter­schei­dun­gen ein­ge­setzt wer­den. Das kann ent­we­der bedroh­lich sein, oder ein wün­schens­wer­ter Gegen­ent­wurf zu unse­rer eige­nen Lebens­weise und Welt sein. Das erin­nert schon etwas an mons­trare und monere aus dem Mittelalter.

Wie im Mit­tel­al­ter auch die­nen außer­ir­di­sche Gesell­schaf­ten zum Bei­spiel im Serien- und Film­uni­ver­sum „Star Trek“ als Spie­gel für jeweils aktu­elle gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Ent­wick­lun­gen. „Star Trek“-Erfinder Gene Rod­den­berry ori­en­tierte sich dabei an Jona­than Swifts „Gul­li­vers Rei­sen“: Um Aus­sa­gen über aktu­elle poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Pro­bleme so zu tref­fen, dass er sie an Zen­so­ren vor­bei­sch­leu­sen konnte, ver­packte er sie in eine Sci­ence-Fic­tion-Welt aus mehr oder weni­ger fremd­ar­ti­gen Außerirdischen.

Grün, schlei­mig, zottelig?

Im „Star Trek“-Universum sind viele Außer­ir­di­sche sehr men­schen­ähn­lich gestal­tet. So unter­schei­den sich zum Bei­spiel die Vul­ka­nier und die Romu­la­ner äußer­lich durch die Form ihrer Ohren, eine fah­lere Erschei­nung und die Stirn­par­tie vom Men­schen, Bajo­ra­ner durch kleine Dächer auf dem Nasen­rü­cken und Beta­so­iden eigent­lich gar nicht. Das macht es den Zuschaue­rin­nen und Zuschau­ern beson­ders leicht, sich mit den Frem­den zu identifizieren.

In ihrer Kon­struk­tion ähneln moderne Mons­ter oft denen des Mit­tel­al­ters, denn es wer­den Merk­male wie Zwerg- und Rie­sen­wuchs (wie die Ferengi bzw. die Hiro­gen aus „Star Trek: Raum­schiff Voya­ger“), Misch­for­men zwi­schen Mensch und Tier (zum Bei­spiel der Kel­pia­ner Saru in „Star Trek: Dis­co­very“ als ein Huma­noid mit Hufen) oder zusätz­li­che Kör­per­teile auf­ge­grif­fen. Hin­ge­gen fin­den sich auch neue Kon­struk­ti­ons­for­men wie die Ver­mi­schung von Mensch und Maschine, wie beim Andro­iden Data in „Star Trek: The Next Genera­tion“. Wahr­schein­lich lie­gen diese Ähn­lich­kei­ten zwi­schen Mit­tel­al­ter und Moderne aber vor allem daran, dass die mensch­li­che Krea­ti­vi­tät nicht uner­schöpf­lich ist.

Ali­ens als Vorbilder

Wie man an „Star Trek“, aber auch vie­len ande­ren Medien, leicht erken­nen kann, sind heu­tige Ali­ens meist keine Mons­ter in dem Sinne, dass sie als haa­rige Zot­tel­we­sen Schre­cken ver­brei­ten, Kin­der fres­sen und manch­mal dann doch ganz lieb sind. Statt­des­sen fun­gie­ren sie in der Tra­di­tion der mit­tel­al­ter­li­chen Wun­der­völ­ker als Zei­chen: Sie machen – nicht nur im „Star Trek“-Universum – vom Rande unse­res Erfah­rungs­be­rei­ches durch ihre Fremd­heit auf gesell­schaft­li­che The­men und eigene Feh­ler auf­merk­sam. Wir kön­nen von ihnen somit eini­ges mehr ler­nen als nur Klingonisch.

For­schungs­li­te­ra­tur:

  • Neue Wel­ten. Star Trek als huma­nis­ti­sche Uto­pie. Her­aus­ge­ber: Michael C. Bauer. Sprin­ger. 2019.
  • Dia­lek­tik des Ali­ens. Dar­stel­lun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen von Außer­ir­di­schen in Film und Fern­se­hen. Mat­trias Hurst. In: Von Men­schen und Außer­ir­di­schen. Trans­ter­res­tri­sche Begeg­nun­gen im Spie­gel der Kul­tur­wis­sen­schaft. Her­aus­ge­ber: Michael Sche­t­sche, Mar­tin Engel­brecht. tran­script Ver­lag. 2008. S. 31–54.
  • Mons­ter im Mit­tel­al­ter. Rudolf Simek. Böhlau. 2015.

Filme und Serien:

  • Star Trek: Dis­co­very. Regie: David Semel et al. Dreh­buch: Akiva Golds­man u.a. Mit: Sonequa Mar­tin-Green, Doug Jones, Anthony Rapp u.a. CBS. USA 2017.
  • Star Trek: Raum­schiff Voya­ger. Regie: David Living­ston u.a. Dreh­buch: Jeri Tay­lor u.a. Mit Kate Mul­g­rew, Robert Bel­tran, Jeri Ryan u.a. Para­mount Pic­tures. USA 1995–2001.
  • Star Trek: The Next Genera­tion. Regie: Cliff Bole u.a. Dreh­buch: George Clay­ton u.a. Mit Patrick Ste­wart, Jona­than Fra­kes, Brent Spi­ner u.a. Para­mount Pic­tures USA 1987–1994.
Ein Bei­trag zum Spe­cial #Todes­stadt. Hier fin­det ihr alle Beiträge.
Illus­tra­tion: Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina

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