Adventskalender 2017: Türchen 11

by Bücherstadt Kurier

Klabauterweihnacht

Er fror. Obwohl er sich schon weit ins Schiff zurück­ge­zo­gen hatte, schien die Kälte ihm zu fol­gen. Es war sehr unge­müt­lich, nach und nach umspielte sie seine Beine, bis es ihm gar ganz frös­telte. Die­ses Wet­ter war er nicht gewohnt. Seine bis­he­ri­gen Schiffe waren nur dort gefah­ren, wo fast immer die Sonne schien und er die lauen Nächte oben in der Take­lage ver­brin­gen konnte. Doch kaum steckte er an die­sen Tagen auch nur die Nase aus einer der Luken, schon umtanz­ten ihn Schnee­flo­cken und der Frost zwickte ihm ein­mal kräf­tig in die Ohren. Wo war nur die Sonne hin?
In sei­nem Kla­bau­ter­le­ben hatte er schon einige Besat­zun­gen kom­men und gehen sehen, doch alle schie­nen zumin­dest ein gewis­ses Maß an Fähig­kei­ten mit­zu­brin­gen. Diese Mann­schaft aber war offen­bar anders. Wie sonst ließ es sich erklä­ren, dass sie die war­men Gewäs­ser ver­las­sen hat­ten, um aus­ge­rech­net in solch unge­müt­li­ches Gebiet zu segeln? Kla­bau­ter schlich sich durch die spär­lich beleuch­te­ten Gänge. Obwohl er sich unsicht­bar machen konnte, fühlte er sich dazu momen­tan nicht in der Lage, bei­nah so, als würde das Wet­ter an sei­ner Kraft zerren.
So huschte er an die­sem Abend von Ver­steck zu Ver­steck, blieb an jeder Abzwei­gung ste­hen, um zuerst zu lau­schen und dann um die Ecke zu blin­zeln, ob der nächste Gang frei war. Stück für Stück schlich sich Kla­bau­ter so aus sei­nem Ver­steck tief im Schiffsin­ne­ren an die Quar­tiere der Matro­sen heran, denn sie besa­ßen, so hatte er bereits aus­ge­späht, warme Klei­dung. Und er sah nicht ein, dass gerade er als das doch wich­tigste Besat­zungs­mit­glied wei­ter frie­ren sollte. Auch stand gerade heute weder die übli­che Tasse Milch noch ein ver­söhn­li­ches Gläs­chen Rum an sei­nem Platz für ihn bereit. Was waren denn das für Seeleute?
Kla­bau­ter murrte leise in sei­nen wei­ßen Bart hin­ein, so dass das zer­zauste rote Haar, wel­ches unter sei­nem klei­nen Kapi­täns­hut her­vor­schaute, zu leuch­ten schien. Ihm würde in den nächs­ten Tagen sicher­lich noch der eine oder andere Streich ein­fal­len, mit dem er es den Matro­sen heim­zah­len konnte. Doch zuerst wollte er sich etwas von der war­men Wäsche sti­bit­zen. Auf dem Weg zu den Quar­tie­ren fie­len ihm grüne Zweige und bunte Kugeln auf, wel­che stel­len­weise ent­we­der von der Decke her­ab­hin­gen oder an der Wand befes­tigt waren. Der Kobold machte dabei jedes Mal einen Bogen um diese selt­sa­men Gebinde. Noch nie hatte er der­glei­chen auf einem sei­ner Schiffe gesehen.
Nun stand er vor der letz­ten Ecke zu den Quar­tie­ren und lauschte. Auch hier war nichts zu hören. Weder Gesprä­che noch Schritte noch über­haupt etwas. Ledig­lich das Knar­zen der Wände wan­derte über die Flure, ver­schwand ins Nir­gendwo. Kla­bau­ter schlich vor­wärts, um das Ohr an die Tür zu legen. Eben­falls nichts. Er stutzte und kratzte sich dabei nach­denk­lich am Kopf, so dass einige sei­ner Haare nun ganz quer abstan­den. Dies war ein­deu­tig ein Schiff, wel­ches sich mit­ten auf dem Was­ser befand, die See­leute konn­ten also nicht ein­fach so an Land gegan­gen sein. Aber auf sei­nem Weg aus dem Bauch bis zu die­ser Tür war ihm nicht ein ein­zi­ger Matrose begeg­net, auch hatte er kei­nen von ihnen gehört. Sollte er, der Kla­bau­ter­mann, der Kobold die­ses Schif­fes, irgend­et­was über­se­hen haben, was die Sicher­heit gefähr­dete? Und soll­ten alle ande­ren es vor ihm bemerkt und das Schiff ver­las­sen haben? So wie ihn die Kälte umhüllte, so war es viel­leicht auch mög­lich, dass sie seine Sinne trübte.
Mit gro­ßer Anstren­gung machte er sich unsicht­bar, ergriff die Klinke und öff­nete die Tür. Der Raum war groß, gemüt­lich ein­ge­rich­tet und chao­tisch mit den ver­schie­dens­ten Sachen zuge­stellt. An vie­len Stel­len lagen Klei­dungs­stü­cke herum, über einem Stuhl hin­gen zudem einige bunte Bän­der, deren Enden sich kräu­sel­ten. Auf dem Tisch dane­ben war bun­tes Papier aus­ge­brei­tet wor­den, von wel­chem einige Rol­len ihren Weg auf den Boden gefun­den hatten.
Kla­bau­ter huschte durch den Raum, griff sich einen Schal, eine Mütze, Hand­schuhe und dicke Socken. Obwohl er als Kobold nicht wirk­lich groß war, waren einige der See­leute wohl nur ein klein wenig grö­ßer als er, so dass diese Klei­dungs­stü­cke ihm beim ers­ten Anhal­ten recht gut pass­ten. So schnell er in das Quar­tier hin­ein­ge­schli­chen war, so schnell ver­ließ er es auch wie­der, drückte dabei seine Beute fest an sich.
Den Gang hin­un­ter stand eine Tür zu einem Lager­raum offen. Kla­bau­ter nutzte diese Gele­gen­heit und huschte hin­ein. Hin­ter den unzäh­li­gen Tru­hen und Fäs­sern setzte er sich auf einen Sta­pel Holz, um einen ers­ten Blick auf die Beute zu wer­fen. Die Socken waren etwas zu groß, aber wenn er sie ganz hoch­zog, bis sie etwas über den Rand sei­ner Stie­fel her­vor­schau­ten, pass­ten sie bequem. Kaum war die neue Klei­dung ange­zo­gen, kroch die Kälte aus den Kno­chen und wun­der­bare Wärme brei­tete sich aus. Die Kapi­täns­mütze passte nicht unter die Woll­mütze, so drehte Kla­bau­ter es ein­fach um und zog sich zuerst diese über den Kopf, um dann den Kapi­täns­hut oben­drauf zu set­zen. Dazu wickelte er noch den Schal um, der so lang war, dass er für drei Run­den reichte. An den Hand­schu­hen fehl­ten die Fin­ger­spit­zen, was sich jedoch als Glück her­aus­stellte, denn so konnte er alles gut grei­fen und fest­hal­ten. Mit einer Schicht Wolle dazwi­schen konnte es man­ches Mal umständ­lich werden.
Der­art neu gegen die Kälte aus­ge­stat­tet, saß Kla­bau­ter noch eine Weile in sei­nem Ver­steck, denn er fühlte sich ein wenig unge­lenk mit so viel neuer Klei­dung. Die Ohren ver­schwan­den ganz unter der Mütze, die Nase ver­steckte sich ab und an im Schal, doch er dachte nicht daran, die Sachen wie­der aus­zu­zie­hen. So woh­lig und ange­nehm war die auf­stei­gende Wärme, wel­che ihm seine Kräfte sowie ein Lächeln zurück­brachte. Kla­bau­ter fühlte sich sogleich bes­ser und ver­suchte erneut, sich unsicht­bar zu machen, was ihm auch auf Anhieb gelang. Gegen die Wit­te­rung geschützt, schlich er nun hin­aus auf das Deck, in der Hoff­nung die Mann­schaft dort anzutreffen.
Die See lag nicht ruhig, viele Wel­len schlu­gen gegen das Schiff, wel­ches hin und her tanzte. Durch die Reling sprü­hende Gischt nahm dem Kobold die Sicht, um nicht die Ori­en­tie­rung zu ver­lie­ren, hielt er sich an einem Tau fest. Eine fol­gende Welle schlug hart gegen den Rumpf, wel­cher mit einem kla­gen­den Äch­zen ant­wor­tete. Kla­bau­ter umrun­dete ein­mal das gesamte Deck, aber auch hier ließ sich nicht ein ein­zi­ges Mit­glied der Crew auf­fin­den. Ledig­lich die Reste zer­sprun­ge­ner bun­ter Kugeln, offen­bar die glei­chen wie in den Gän­gen, hin­gen an eini­gen Stel­len mit vom Wet­ter zer­pflück­ten grü­nen Zweigen.
Als die Wel­len­ge­walt das Schiff so hin und her schubste, ver­spürte der Kobold das auf­kei­mende Ver­lan­gen, sei­ner eigent­li­chen Auf­gabe nach­zu­ge­hen und die Wände zu über­prü­fen, ob sie wohl der Wit­te­rung stand­hal­ten und das Gefährt sicher in den Hafen brin­gen wür­den. Jedoch bemerkte er, dass ihm sein Ham­mer auf der Suche nach der Klei­dung abhan­den­ge­kom­men sein musste, so dass er ihn zuerst holen müsste. Kla­bau­ter grum­melte vor sich hin und strich einige Schnee­flo­cken aus sei­nem wei­ßen Bart, es gefiel ihm gar nicht, wenn sein Ham­mer nicht bei ihm war.
Nur noch wenige Schritte war er von dem Lager­raum ent­fernt, in wel­chem er die ver­gan­ge­nen Tage ver­bracht hatte und sei­nen Ham­mer ver­mu­tete, als er es end­lich hörte: Ein Gewirr aus mensch­li­chen Stim­men kam ihm vom ande­ren Ende des Gan­ges ent­ge­gen. Ihr Gesang ließ eine hei­tere Stim­mung erah­nen. Fast schon erin­nerte die­ser ihn an eine Andacht, so tra­gend brei­te­ten sich die ein­zel­nen Töne in sei­nem Kopf aus, erzeug­ten dabei eine unge­kannte Gemüts­lage. Fei­er­lich, doch erha­ben und auch ein klein wenig stolz klan­gen die Stim­men, an wel­che Kla­bau­ter sich nun her­an­sch­lich. Ein paar Ecken musste er dazu umrun­den und schon bald stand er vor der schwe­ren Tür der Kom­büse, durch deren Rit­zen ihm die wun­der­sams­ten Gerü­che, wie eine Bei­kost zum Gesang, in die Nase schwebten.
Als eine offen­bar große Welle das Schiff traf und die­ses ein wenig zu tan­zen begann, ergriff der Kobold seine Chance, stieß die ange­lehnte Tür auf und huschte hin­ein, bevor ein Matrose, der gerade an der Tür vor­bei­ging, sie wie­der schloss. In der Kom­büse, in der auch eine Anzahl von Tischen und Stüh­len stand, war es ange­nehm warm, so dass Mütze, Schal und Hand­schuhe schnell über­flüs­sig erschie­nen. Selt­sa­mer­weise war die gesamte Mann­schaft an die­sem Ort ver­sam­melt und einige von ihnen hiel­ten kleine Päck­chen in den Hän­den, wel­che in genau jenem bun­ten Papier ein­ge­packt waren, das Kla­bau­ter in ihrem Quar­tier vor­ge­fun­den hatte. Zwar war die Wand direkt hin­ter ihm, aber für sei­nen Geschmack lie­fen hier ein­deu­tig zu viele Beine herum, und jedes von ihnen endete in einem Fuß, der ihn tre­ten konnte.
Kla­bau­ter sah sich um, suchte ein Ver­steck in der Nähe und ent­schwand in eine Ecke, in wel­cher auch ein gro­ßer, grü­ner Baum stand. Auf und an sei­nen Ästen trug die­ser viele selt­same Gegen­stände, dar­un­ter auch wie­der die bun­ten Kugeln. Doch um eini­ges inter­es­san­ter als der Baum erschien ihm ein klei­ner Tisch. Die­ser stand zwi­schen Baum und der Wand, wies dabei genau die rich­tige Höhe für ihn auf und mit­ten dar­auf stand eine schöne große Tasse Milch sowie ein klei­nes Fäss­chen Rum. An der Seite des Tisches befand sich ein Stuhl, eben­falls genau für seine Höhe pas­send, mit einem sehr bequem aus­se­hen­den Kis­sen dar­auf. Und Kla­bau­ter wusste, dass dies ganz allein für ihn dort stand.

Sanna Ren­ner, Twit­ter: @chaoskraehe

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Am Ende der Gleise – Bücherstadt Kurier 1. Februar 2018 - 17:26

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