379 Seiten Langeweile

by Zeichensetzerin Alexa

„Schreib den ers­ten Satz so, dass der Leser unbe­dingt auch den zwei­ten lesen will“, sagte der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Wil­liam Cuth­bert Faulk­ner einst. Als ich in der Buch­hand­lung nach dem Buch „Teu­fels­mord“ von Tanja Noy griff, habe ich nicht nur den ers­ten und zwei­ten Satz gele­sen, son­dern die kom­plette erste Seite. Das hörte sich viel­ver­spre­chend an, dachte ich und kaufte mir das Buch. Ein Rein­fall, wie sich spä­ter herausstellte.

Worum es geht

Die Hand­lung beginnt in der Ver­gan­gen­heit. Es ist August 1987, an einem Sams­tag, kurz nach Mit­ter­nacht. Der Leser wird mit­ten ins Gesche­hen gewor­fen. Eine Frau, deren Namen wir nicht ken­nen, wird gerade von irgend­je­man­dem ver­folgt. Die Situa­tion wird span­nend geschil­dert, macht neu­gie­rig auf den wei­te­ren Ver­lauf. Einen Tag spä­ter wird die Frau tot auf­ge­fun­den, in ihren Bauch ist ein Pen­ta­gramm geritzt. Es fal­len Begriffe wie Seri­en­mör­der und Teu­fels­mord, aber so rich­tig scheint kei­ner eine Ahnung zu haben. Wit­ten­rode aber ist eine kleine Stadt und es spricht sich schnell etwas herum. Die Schlag­zei­len sor­gen für Unruhe und Auf­re­gung und der Tou­ris­mus, auf den die Bewoh­ner ange­wie­sen sind, bleibt aus. Also muss so schnell wie mög­lich der Schul­dige gefun­den wer­den. Und tat­säch­lich – nur wenige Tage spä­ter hat die Poli­zei ihn gefasst: Bruno Kalis. Etwa ein hal­bes Jahr spä­ter nimmt er sich das Leben, bis zum Ende abstrei­tend, die Tat began­gen zu haben.

20 Jahre spä­ter taucht in Wit­ten­rode eine nach glei­chem Mus­ter zuge­rich­tete Lei­che auf. Eine Frau namens Kers­tin gesteht die Tat und bringt sich anschlie­ßend um. Da es sich hier­bei um eine Jugend­freun­din han­delt, nimmt Julia Wag­ner an der Beer­di­gung teil und trifft sich mit zwei wei­te­ren Freun­den aus Kin­der­ta­gen. An die­ser Stelle ver­spricht der Klap­pen­text: „Von der Unschuld ihrer Freun­din über­zeugt, beginnt Julia eigene Nach­for­schun­gen in einer ver­schwo­re­nen Dorf­ge­mein­schaft, derer sie nie ein Teil war und die alle und alles von „drau­ßen“ als Bedro­hung betrach­tet. Wäh­rend ihrer lebens­ge­fähr­li­chen Suche nach Ant­wor­ten macht sie sich mäch­tige Feinde und erfährt dabei unfass­bare Dinge über ihre eigene Ver­gan­gen­heit.“ Diese Beschrei­bung jedoch ist irre­füh­rend. Denn tat­säch­lich ist Julia eine sehr lange Zeit, bis zur Hälfte des Buches etwa, nicht über­zeugt von der Unschuld ihrer Freun­din. Mit der Distanz einer Poli­zei­kom­mis­sa­rin legt sie die Fak­ten auf den Tisch und beharrt immer wie­der dar­auf, Kers­tin hätte die Tat doch gestanden.

Schein-Span­nung

Auch wenn der Leser viel über Julia erfährt – ihre Erin­ne­run­gen, Gedan­ken, Taten – bleibt sie einem doch bis zum Ende fremd, an man­chen Stel­len sogar unsym­pa­thisch. Ihre Stur­heit bringt weder den Betei­lig­ten etwas noch treibt sie die Hand­lung voran. Oft muss man ganze Kapi­tel mit lang­at­mi­gen, sich wie­der­ho­len­den Dis­kus­sio­nen lesen, sodass man als Leser die Prot­ago­nis­tin am liebs­ten an den Schul­tern gepackt und geschüt­telt hätte. Mit Satz­lan­gen Kapi­tel­über­schrif­ten wird ver­sucht Span­nung auf­zu­bauen, nur sind sie nicht immer pas­send gewählt. An eini­gen Stel­len wird auf die Über­schrift gleich im ers­ten Satz des Kapi­tels ein­ge­gan­gen, einige Kapi­tel­über­schrif­ten klin­gen albern („Keine Ahnung, was das soll“), bei ande­ren weiß ich selbst nicht, was das eigent­lich soll („Längst ins Dach gefahren.“).
Trotz allem habe ich mich durch das Buch gekämpft, allein aus der Neu­gier her­aus, warum im Klap­pen­text steht: „Wäh­rend ihrer lebens­ge­fähr­li­chen Suche nach Ant­wor­ten macht sie sich mäch­tige Feinde und erfährt dabei unfass­bare Dinge über ihre eigene Ver­gan­gen­heit.“ Nur lei­der erfährt es der Leser nicht. Oder zumin­dest nichts, was wirk­lich von Bedeu­tung, atem­rau­bend, span­nend gewe­sen wäre. Wäh­rend Julia Nach­for­schun­gen anstellt, stößt sie auf Hin­weise, die man als Leser direkt ver­bin­det. Schon bald ahnt man, wer der Teu­fels­mör­der ist. Der wei­tere Ver­lauf der Geschichte dient nur dazu, den Leser mit fal­schen Hin­wei­sen in die Irre zu füh­ren. Der Aus­gang des Buches erklärt sich aller­dings durch die Tat­sa­che, dass im Dezem­ber der zweite Teil („Todes­ruhe“) erscheint.

Spra­che

Die Spra­che der Autorin ist sehr umgangs­sprach­lich. Einen indi­vi­du­el­len Sprach­ge­brauch haben die Prot­ago­nis­ten nicht. Alle flu­chen, alle nut­zen Sprich­wör­ter und Rede­wen­dun­gen. Die Dia­loge wir­ken nicht aus­ge­baut, son­dern „wie man halt spricht und so“. Über sol­che Stel­len stol­pert man immer wie­der im Buch. Auch wenn hier schein­bar ver­sucht wurde, die Prot­ago­nis­ten durch ihre Spra­che authen­tisch wir­ken zu las­sen, ver­liert das Buch dadurch an lite­ra­ri­scher Qualität.

Fazit

Wie oft haben wir es schon gele­sen oder gese­hen: ver­schwo­rene Dorf­ge­mein­schaf­ten, Seri­en­mör­der, blu­tige Morde mit ekel­er­re­gen­den Beschrei­bun­gen… 380 Sei­ten vol­ler Dia­loge, ange­deu­te­ter Gefühle, Gewalt, Ver­schwö­run­gen und fla­cher Action. Neu ist die Idee nicht, schlimm ist das aber auch nicht. Es schei­tert ledig­lich an der Umsetzung.

Alexa

Teu­fels­mord, Tanja Noy, MIRA Taschen­buch, 2014

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