#2. Türchen

by Bücherstadt Kurier

Winterzauber

Im Halb­schlaf glaubte Katha­rina zu sehen, wie eine hell­blaue, etwa hand­große Kugel ins Zim­mer schwebte. Mit trä­gen Augen ver­folgte sie, wie das wun­der­same Licht mal hier­hin, mal dort­hin huschte. Es drehte eine Runde über dem Ofen, dann strebte es mit einem Mal dem Weih­nachts­baum zu. Von einer fun­keln­den Kugel zur nächs­ten Sprang es, und dabei spie­gelte sich das blaue Zau­ber­licht in den bun­ten Kugeln lus­tig wider.
Das Mäd­chen wusste nicht so recht, ob sie noch wachte oder doch schon träumte. Sie rieb sich ver­schla­fen die Augen. Hörte sie da wirk­lich ein lei­ses Kichern, ein lei­ses Schwir­ren? Und wenn sie genau hin­sah, konnte sie in dem hel­len Glanz nicht die Sil­hou­ette eines zier­li­chen Wesens erkennen?
Plötz­lich knarrte die Wohn­zim­mer­türe auf und flink wie der Wind suchte das hell­blaue Licht­lein am Boden zwi­schen den Geschen­ken Zuflucht. Mama trat ins Zim­mer, um das Fens­ter zu schlie­ßen. Dann eilte sie auch schon wie­der davon, um den pfei­fen­den Tee­kes­sel vom Herd zu nehmen.
Katha­rina rekelte sich noch ein­mal gäh­nend auf dem Sofa und müm­melte sich dann wie­der in ihre Decke ein. Doch sie hatte kaum die Augen geschlos­sen, da fuhr sie ent­setzt hoch. Hatte da nicht etwas gera­schelt? Doch nicht etwa eine Ratte! Rat­ten konnte Katha­rina näm­lich über­haupt nicht lei­den. Ängst­lich blickte sie sich nach allen Sei­ten hin um.

Es war mucks­mäus­chen­still im Wohn­zim­mer, bis auf das bedäch­tige Ticken der gro­ßen, alten Stand­uhr und das geheim­nis­volle Pras­seln im Ofen. Katha­rina wollte sich gerade wie­der hin­le­gen, da erspähte sie aus den Augen­win­keln her­aus wie­der das blaue Licht. Kein Zwei­fel, da war etwas!
Mit einem Mal war das Mäd­chen hell­wach. Laut­los schlüpfte sie in ihre Pan­tof­feln. Dann huschte sie auf lei­sen Soh­len auf den Weih­nachts­baum zu. Ihr Herz pochte mit jedem Schritt schnel­ler. Behut­sam langte Katha­rina nach dem Tele­fon­buch auf der Kom­mode, nur für den Fall. Das Buch ent­schlos­sen zum Schlag erho­ben, trat Katha­rina hin­ter den Baum und erstarrte.
Das war keine Ratte und auch keine Maus. In hel­len Schein gehüllt, kau­erte eine zier­li­che Gestalt zwi­schen den Geschen­ken. Ein klei­nes Fräu­lein mit schim­mern­den Flü­geln – die Haut – blau wie der Him­mel, lange Haare – weiß wie Schnee. Auch ihre zier­li­che Pelz­mütze, die Stie­fel­chen und das wun­der­bare Kleid waren ganz und gar weiß. Als es jedoch das Men­schen­kind erblickte, schrie das Wesen ent­setzt auf: „Bitte tu mir nichts! Ich flehe dich an! Hab erbarmen!“
Behut­sam kniete sich das Men­schen­kind hin, ganz lang­sam, um das zier­li­che Wun­der­we­sen ja nicht zu erschre­cken. „Du brauchst dich nicht zu fürch­ten“, hauchte Katha­rina besänf­ti­gend. „Ich tu dir bestimmt nichts.“
Miss­trau­isch beäugte das Flü­gel­we­sen das stau­nende Men­schen­kind. Schließ­lich strich sich das blaue Fräu­lein ver­le­gen eine weiße Locke aus der Stirn und begann ihr vom Nacht­wind zer­zaus­tes Kleid zu glätten.
Katha­rina sah ihr dabei mit gro­ßen Augen zu. „Wer bist du?“ wollte das Mäd­chen schließ­lich wissen.
Das zier­li­che Wesen hielt inne, mus­terte das neu­gie­rige Men­schen­kind kurz und machte dann eine ele­gan­ten Ver­beu­gung: „Ich bin eine Fros­telfe im Dienste ihrer Majes­tät, der Schneekönigin.“
„Ich bin Katha­rina“, stellte sich das Men­schen­kind vor. Just in die­sem Moment schlug die Pen­del­uhr die achte Abend­stunde. Wie erschrak da die Fros­telfe! Die zier­li­chen Hände auf die spit­zen Ohren gepresst ver­kroch sie sich sogleich unter einem Tannenzweig.
„Keine Angst“, ver­suchte Katha­rina sie zu besänf­ti­gen. „Das ist nur die Uhr. Die tut dir nichts zu leide.“
„Ha, dass ich nicht lache“, ent­geg­nete die Elfe aus ihrem Ver­steck her­aus. „Mein Ver­der­ben ist sie! Hast du denn nicht gehört – es ist schon acht Uhr!“
„Ja und?“ fragte Katha­rina verwirrt.
Da kroch die Elfe aus ihrem Ver­steck her­aus, baute sich vor Katha­rina auf und schnaubte empört: „In vier Stun­den ist Mitternacht!“
Katha­rina zuckte nur mit den Schul­tern: „Ja und?“
„Weißt du denn nicht, was das bedeu­tet? Die Schnee­kö­ni­gin gibt ihren jähr­li­chen Winterball!“
„Oh wie schön!“
„Nein, ganz im Gegen­teil. Eine Kata­stro­phe!“, jam­merte die Fros­telfe und brach in Trä­nen aus. „Siehst du hier auch nur eine ein­zige Eis­blume, eine ein­zige Schnee­flo­cke? Spürst du auch nur einen ein­zi­gen Hauch von Winterzauber?“
Katha­rina schüt­telte stumm den Kopf. Der Win­ter ließ die­ses Jahr wirk­lich lange auf sich warten.
„Bis Mit­ter­nacht muss alles vor­be­rei­tet sein“, schluchzte die Fros­telfe. „Dann wird die Schnee­kö­ni­gin näm­lich in ihrem Schlit­ten zum Auf­takt des Abends über den Him­mel glei­ten. Und alle Dör­fer, alle Städte auf der Route müs­sen bis dahin im Glanz des Win­ters erstrah­len! Und über­all sol­len Eis­blu­men sprie­ßen. Wenn nicht, dann-“
„Bis Mit­ter­nacht ist noch viel Zeit“, ver­suchte Katha­rina das Zau­ber­we­sen zu trös­ten, doch die Elfe schüt­telte ener­gisch den Kopf: „Der Boden in die­ser Stadt ist schon gefro­ren. Wie soll ich da noch den Samen für die Eis­pflan­zen säen? Ach, was haben diese blö­den Herbs­tel­fen dies Jahr doch geschlu­dert! Warum haben sie mich nicht eher geweckt? Diese Stüm­per! Gemei­nes, unzu­ver­läs­sige Pack!“
Katha­rina kaute einen Moment lang nach­denk­lich auf ihrer Unter­lippe herum. Dann hellte sich ihre Miene auf und mit ver­schwö­re­ri­scher Stimme raunte sie der Fros­telfe zwin­kernd zu: „Komm mit! Ich weiß schon, wo wir lockere Erde für deine Eis­blu­men finden.“

Leise, sehr leise zog Katha­rina die Wohn­zim­mer­tür auf und trat auf den Gang hin­aus. Sie spähte kurz in Rich­tung Küche, dann pirschte sie sich unge­se­hen, unge­hört um die Ecke, hin zur Kel­ler­tür. Beim Auf­zie­hen quietschte das alte Ding ver­rä­te­risch, doch zum Glück hatte Mut­ter das Radio so laut ein­ge­stellt, dass sie von alle­dem nichts mitbekam.
Drun­ten im muf­fi­gen Kel­ler ange­kom­men, nahm Katha­rina rasch einen lee­ren Topf und eine Schau­fel zur Hand. Stau­nend beob­ach­tete die Fros­telfe, wie das Men­schen­kind aus einem Plas­tik­sack lockere Blu­men­erde her­vor­zau­berte. Katha­rina hatte den Blu­men­topf kaum gefüllt, da zog ihr die Elfe auch schon ener­gisch an den Zöp­fen. „Los“, drän­gelte das Zau­ber­we­sen auf­ge­regt. „Wir müs­sen nach drau­ßen ins Mond­licht! Ohne Mond­licht keine Eisblumen!“

Hur­tig und geschwind eil­ten die bei­den zurück ins Wohn­zim­mer. Katha­rina setzte ihre Ohr­schüt­zer auf und warf sich noch rasch eine Decke über, bevor sie auf den Bal­kon hin­aus­trat. „Und jetzt?“, wollte das Kind wis­sen, als sie den Blu­men­topf auf dem klei­nen Bal­kon­tisch abstellte.
„Pass auf“, raunte die Fros­telfe ihr ins Ohr. Sogleich langte die Elfe in ihre Tasche und zog einen klei­nen, nahezu durch­sich­ti­gen Gegen­stand her­vor. Flink steckte sie das Kris­tall­ding in die Blu­men­topf­erde. Dann schwebte die Elfe ein paar Mal im Kreis dar­über und flüs­terte unver­ständ­li­che, mys­tisch-magi­sche Elfenworte.
Ein Knis­tern lag in der Luft, ein kal­ter Duft. Im nächs­ten Moment schon brach die Erde auf und her­aus streckte sich die erste Eis­blume. Ihr Stän­gel – so durch­sich­tig wie feins­ter Berg­kris­tall. Ihr Blü­ten­kopf – ein fili­gra­ner Eis­kris­tall. Wie wun­der­schön war ihr wun­der­sa­mes Wach­sen anzu­se­hen! Katha­rina staunte nicht schlecht. Doch mit einem Mal hieb die Fros­telfe wild mit dem Zau­ber­stab auf die Blume ein, dass die Split­ter nach allen Sei­ten hin flogen.
„Nein, nicht, was tust du denn?“, rief Katha­rina erschro­cken. Doch die Fros­telfe lachte nur ver­gnügt. Denn über­all wo ein Split­ter nie­der­ging, wuch­sen sogleich ein Dut­zend wei­tere Eis­blu­men. Eine ein­same Schnee­flo­cke trieb vom nacht­schwar­zen Him­mel herab. Dann noch eine und noch eine. Ein gan­zes Heer.
„Ja, so lässt sich arbei­ten!“, jauchzte die Fros­telfe tri­um­phie­rend. Lachend trieb sie die Saat des Win­ters hier­hin und dort­hin. So ritt sie auf dem Wind davon, ohne sich ein ein­zi­ges Mal umzu­bli­cken. Aber Katha­rina war ihr des­halb nicht böse. Denn die Elfe hatte ihr doch das schönste Geschenk gemacht, das ein Kind sich nur wün­schen konnte: eine weiße Weihnacht.

Text & Bild: Chris­tine Prinz

Kurz­vita

Chris­tine Prinz, *1986 in Öster­reich, zeich­net und schreibt seit sie einen Stift hal­ten kann. Wäh­rend ihres Stu­di­ums ver­öf­fent­lichte sie meh­rere eng­lisch­spra­chige Texte im Stu­den­ten­ma­ga­zin JAWS und eine Geschichte in der Antho­lo­gie The Lounge Com­pa­n­ion Vol.1. Ende 2013 fing sie wie­der an, Kurz­ge­schich­ten zu schrei­ben. Dies­mal auf Deutsch.

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