Vollmond

Es war klir­rend kalt. Der Atem des jun­gen Man­nes ent­wich in klei­nen, wei­ßen Wölk­chen, die zum Nacht­him­mel auf­stie­gen. Der Wind trug sie fort, um sie im Nichts ver­schwin­den zu las­sen. Er schlug den Kra­gen sei­nes Man­tels hoch und hauch­te in sei­ne Hän­de, um sich we­nigs­tens et­was zu wär­men.
Lang­sam ging der Mond auf. Die run­de, wei­ße Schei­be hing für ei­nen kur­zen Mo­ment zwi­schen den Äs­ten der al­ten knor­ri­gen Ei­che, als wür­de sie ihn dort ge­fan­gen hal­ten. Er be­frei­te sich aus die­sem Ge­fäng­nis und stieg wei­ter zum Him­mel auf. Jetzt hat­te er sei­nen höchs­ten Stand er­reicht.
Der jun­ge Mann hob den Blick. Hell spie­gel­te sich das Licht in sei­nen Au­gen. Bei der Be­trach­tung des Voll­mon­des be­gann sein Kör­per zu zu­cken. Ein qual­vol­ler Schrei ent­fuhr sei­ner Keh­le, als er je­den Kno­chen ein­zeln bre­chen und sich neu zu­sam­men­set­zen fühl­te. Der Schrei ver­hall­te in der Nacht. Mus­keln zo­gen sich qual­voll zu­sam­men, Ge­len­ke knack­ten und sein Rü­cken wölb­te sich un­ter Schmer­zen. Das Licht des Mon­des tauch­te al­les in ein ge­spens­ti­sches Weiß.
Be­vor ihm ein er­neu­ter Laut ent­fuhr, knirsch­te der jun­ge Mann mit den Zäh­nen. Er ver­such­te sich zu kon­trol­lie­ren, press­te die Lip­pen zu­sam­men und un­ter­drück­te ei­nen neu auf­kei­men­den Schrei, der sich in die Frei­heit kämp­fen woll­te. Hof­fent­lich war heu­te Nacht nie­mand un­ter­wegs, der ihn hör­te oder gar sah. Die­se Be­geg­nung wäre für bei­de Be­tei­lig­ten nicht an­ge­nehm.
Sei­ne Zäh­ne schlu­gen auf­ein­an­der, als sich sein Kör­per wei­ter trans­for­mier­te. Ein letz­ter mar­ker­schüt­tern­der Schmer­zens­schrei, dann hat­te er die Ver­wand­lung hin­ter sich.
Er­leich­tert at­me­te er auf. Die Schmer­zen wa­ren vor­über.
Er blick­te sich um.
Er war al­lein.
Seuf­zend be­frei­te er sich aus dem Kla­mot­ten­berg und sprang über die rote Woll­so­cke, die er, wie die rest­li­che Klei­dung, zu­rück­las­sen muss­te.
Ein wei­te­rer Sprung über ei­nen der blau­en, aus­ge­latsch­ten Snea­ker, der nun über­di­men­sio­nal groß wirk­te, und er war frei. Er blick­te an sich hin­un­ter und hob eine ehe­ma­li­ge Hand prü­fend vor sein Ge­sicht. Zwi­schen sei­nen Fin­gern hat­ten sich grü­ne Schwimm­häu­te ge­bil­det. An den Fin­ger­spit­zen prang­ten eben­so grü­ne Knub­bel. Klei­ne bläu­li­che, kreis­run­de Fle­cken ver­zier­ten sei­ne Arme und eine Art bräun­li­cher Flaum war zu er­ken­nen.
Sei­ne Au­gen ver­eng­ten sich zu Schlit­zen, dann ließ er sei­nen Blick prü­fend in die Fer­ne schwei­fen. Dun­kel zeich­ne­te sich sei­ne Sil­hou­et­te vor dem Voll­mond ab, der nun di­rekt über den Fel­sen stand.
Er mach­te sich be­reit, öff­ne­te sei­ne Lip­pen und …
Ein lau­tes „Quark“ ent­fuhr ihm.
Er­schro­cken zog er den Kopf zwi­schen die Schul­tern, warf pein­lich be­rührt vor­sich­tig ei­nen Blick nach hin­ten.
Er zuck­te be­schämt zu­sam­men, als sein eben er­zeug­ter Laut von den um­lie­gen­den Fel­sen hun­dert­fach zu­rück­ge­wor­fen wur­de.
Quark … Quark … uark … uark … ark … ark … rk … rk …, schall­te es ihm ent­ge­gen.
Er kniff ver­le­gen die Lip­pen zu­sam­men, als er arg­wöh­nisch un­ter sei­nen Schwimm­häu­ten her­vor blin­zel­te, die er schüt­zend vor sei­ne Glub­sch­au­gen ge­legt hat­te.
End­lich ver­hall­te die­ser bla­ma­ble Fehl­ver­such in der Dun­kel­heit.
Er at­me­te tief durch, klopf­te sich mehr­mals mit der Faust auf die Brust und mach­te ein paar ein­fa­che Stimm­übun­gen.
„Mi-mi-miiiii“
Dann räus­per­te er sich ein letz­tes Mal, hob den Kopf dra­ma­tisch in den Na­cken und spit­ze kurz die Lip­pen. Mit al­ler Kraft, die ihm zur Ver­fü­gung stand, riss er den Mund auf.
„AAAAAA-UUUUUUU-UUHHH!!!“, schall­te es mäch­tig aus ihm her­vor.
Wenn man ge­nau lausch­te, ver­nahm man so­gar die drei sorg­sam von ihm an­ge­füg­ten Aus­ru­fe­zei­chen, auf die er be­son­de­ren Wert leg­te. Sie ver­lie­hen dem Jau­len, nun ja, ei­nen ge­wis­sen Nach­druck. Sein Ruf wur­de so mäch­tig von dem Ge­stein zu­rück ge­schmet­tert, dass es ihn fast von al­len Vie­ren riss.
Mit stolz­ge­schwell­ter Brust sah er sich um. An­er­ken­nend klopf­te er sich selbst auf die Schul­ter. Hät­te er Au­gen­brau­en be­ses­sen, er hät­te sie wohl­wol­lend – aus tiefs­tem Ei­gen­lob her­aus – mehr­mals in die Höhe schnel­len las­sen.
„Das“, dach­te er, „war doch de­fi­ni­tiv ein Ge­brüll, wie es ei­nem Wer­frosch wür­dig ist!“
Er warf noch ei­nen sehn­süch­ti­gen Blick zum Voll­mond hin­auf, dann hüpf­te er un­ter pat­schen­den Ge­räu­schen zu­frie­den in die Nacht.

Bü­cher­städ­te­rin Kath­rin
Il­lus­tra­ti­on: Buch­stap­le­rin Mai­ke

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