Unter der Lupe: Bilinguale und russische Bilderbücher

Zei­chen­set­ze­rin Ale­xa ist zwei­spra­chig auf­ge­wach­sen. Als Er­zie­he­rin und Ger­ma­nis­tik­stu­den­tin ar­bei­tet sie je­doch vor­wie­gend mit deutsch­spra­chi­ger Li­te­ra­tur. Zeit für ei­nen klei­nen Aus­flug in bi­lin­gua­le und rus­si­sche Bil­der­buch­wel­ten.

Bi­lin­gu­al: Pau­li – Liebs­te Mama (Павлик – Мамин День)

Das Bil­der­buch „Pau­li – Liebs­te Mama“ ist in un­ter­schied­li­chen Spra­chen bi­lin­gu­al er­schie­nen, dar­un­ter mit rus­si­scher Über­set­zung von Ev­ge­ni Vish­nev­ski: „Павлик – Мамин День“. Hier geht es um die Vor­be­rei­tun­gen auf den kom­men­den Mut­ter­tag. Pau­li und sei­ne Ge­schwis­ter über­le­gen sich, ih­rer Mama zum Mut­ter­tag das Ge­schenk zu ma­chen, bra­ve Kin­der zu sein: Ge­pflegt und sau­ber sein und mit Ma­nie­ren am Tisch sit­zen, zum Bei­spiel. Das müs­sen sie al­ler­dings erst ein­mal üben.
Da die­ses Bil­der­buch bi­lin­gu­al ist, ist der Ver­gleich zwi­schen Ori­gi­nal­spra­che und Über­set­zung di­rekt mög­lich. Man­che For­mu­lie­run­gen klin­gen im Rus­si­schen ele­gan­ter, an­de­re so­gar ge­nau­er: So wird aus „zum Es­sen“ ein „zum Mit­tag­essen“ („на обед“). Nicht im­mer je­doch ist die Über­set­zung ge­lun­gen: Aus „schmatz­te Pau­li“ wird plötz­lich „Pau­li küss­te Mama“ („Павлик чмокнул маму“). Ins­ge­samt lässt sich die rus­si­sche Über­set­zung aber gut le­sen, wenn man über sol­che Än­de­run­gen hin­weg­sieht.

Bi­lin­gu­al: Lisa will ei­nen Hund (Лиза хочет собаку)

„Lisa will ei­nen Hund“ von Hel­ga Bansch ist wie „Pau­li – Liebs­te Mama“ in der Rei­he bi:libri er­schie­nen. Im Ver­gleich zu die­sem ist Ev­ge­ni Vish­nev­ski die Über­set­zung von „Lisa will ei­nen Hund“ bes­ser ge­lun­gen. Der rus­si­sche Text liest sich flüs­si­ger und ist dem Ori­gi­nal­text nä­her. Wie der Ti­tel be­reits ver­rät, geht es um Lisa, die sich ei­nen Hund wünscht. Aber zum Ge­burts­tag be­kommt sie nur Hun­de­bü­cher und sons­ti­ge Ge­gen­stän­de mit Hun­demo­ti­ven. Ihre El­tern be­grün­den ihre Ent­schei­dung ge­gen ei­nen Hund da­mit, dass sie kei­ne Zeit und kei­nen Platz hät­ten. Doch Lisa will nicht so ein­fach auf­ge­ben und hat eine Idee, wie sie sich ih­ren Wunsch trotz­dem er­fül­len kann. Sie be­weist: Man muss nicht auf ei­ge­ne Wün­sche ver­zich­ten, wenn alle be­reit sind, Kom­pro­mis­se ein­zu­ge­hen.

Bi­lin­gu­al: Die Kö­ni­gin der Far­ben (Королева Цветов)

„Die Kö­ni­gin der Far­ben“ – das ist Mal­wi­da. Sie herrscht über die Grund­far­ben Blau, Rot und Gelb. Al­ler­dings be­gin­nen die Far­ben ver­rückt zu spie­len und sich der Kö­ni­gin zu wi­der­set­zen. Ein bun­tes Cha­os bricht über Mal­wi­da her­ein und ver­mischt sich zu ei­nem trau­ri­gen Grau. Erst durch ihre Trä­nen kom­men die Grund­far­ben wie­der zum Vor­schein. Sie har­mo­nie­ren mit­ein­an­der und spie­len zu­sam­men, bis alle müde wer­den. Am Ende des Bil­der­bu­ches ha­ben die Le­sen­den die Mög­lich­keit, selbst ak­tiv zu wer­den und die wei­ßen Sei­ten bunt zu ge­stal­ten. Die rus­si­sche Über­set­zung von Eli­sa Mey­er ist sehr nah am Ori­gi­nal­text und eben­so wie die Vor­la­ge ein­fach for­mu­liert.

Rus­sisch: Только все вместе (Nur wir alle)

„Только все вместе“ ist die Über­set­zung des Bil­der­bu­ches „Nur wir alle“ von Lo­renz Pau­li und Kath­rin Schä­rer. Von al­len der hier vor­ge­stell­ten Bil­der­bü­chern ist die­ses sprach­lich das um­fang­reichs­te. Die Län­ge des Tex­tes, die viel­fäl­ti­ge Wort­wahl und die Hand­lung der Ge­schich­te un­ter­stüt­zen sich ge­gen­sei­tig und ma­chen das Bil­der­buch zu ei­nem klei­nen, lus­ti­gen Aben­teu­er: Eine Grup­pe von Tie­ren bricht auf, um ge­mein­sam et­was zu un­ter­neh­men. Eine Maus, ein Hirsch, ein Fisch, ein Erd­männ­chen und ein Bär – völ­lig un­ter­schied­li­che Tie­re, die erst nicht so rich­tig glau­ben wol­len, dass sie et­was zu­sam­men ma­chen kön­nen. Schließ­lich kann ein Fisch un­mög­lich an Land kom­men. Und der Bär ist ei­ner, vor dem man sich (an­geb­lich) fürch­ten muss. Am Ende sind sie sich je­doch alle ei­nig: Na­tür­lich kön­nen sie zu­sam­men spie­len! Der wit­zi­ge Stil, den man schon aus den Ori­gi­nal­tex­ten von Lo­renz Pau­li kennt, kommt in der Über­set­zung eben­so gut rü­ber.

Rus­sisch: Марфа (Mar­fa)

Ei­nes Ta­ges fin­det der fünf­jäh­ri­ge Ilja mit sei­ner Mut­ter eine ver­letz­te Krä­he. Ihr Flü­gel ist ge­bro­chen und da eine Hei­lung un­mög­lich scheint, soll die Krä­he ein­ge­schlä­fert wer­den. Ilja will das um kei­nen Preis zu­las­sen und bet­telt dar­um, Mar­fa be­hal­ten zu dür­fen. Er wür­de sich um sie küm­mern! Zö­gernd las­sen sich sei­ne El­tern dar­auf ein. Fort­an wird Mar­fa von Ilja ver­sorgt – bis ein Wun­der ge­schieht: Der Flü­gel heilt und Mar­fa kann wie­der flie­gen.
„Марфа“ be­ruht nach An­ga­ben des Au­tors auf ei­ner wah­ren Ge­schich­te, wes­halb er, sei­ne Frau und ei­nes sei­ner Kin­der dar­in vor­kom­men. Im Ge­samt­bild er­schei­nen Text und Il­lus­tra­tio­nen wie ein kur­zes, an­ge­nehm leicht zu le­sen­des Mär­chen. Lei­der ist die­se schö­ne Ge­schich­te noch nicht auf Deutsch er­schie­nen.

Rus­sisch: Красная лошадка (Ro­tes Pferd­chen)

„Красная лошадка“ be­ein­druckt in Text und Ge­stal­tung: Die Il­lus­tra­tio­nen sind fast durch­ge­hend in tris­ten grau-braunen Tö­nen ge­hal­ten. Für den Kon­trast sor­gen wei­ße und beige Ele­men­te. Ein­zig das Pferd­chen und ei­ni­ge klei­ne De­tails sind rot ge­färbt. Al­ler­dings ver­liert das Pferd­chen nach und nach sei­ne Far­be. Es wird zu­neh­mend trau­ri­ger. Der Job als U-Bahn-Fahrzeugführer macht es auch nicht son­der­lich glück­lich. Bis das Pferd­chen ei­nem eben­falls trau­ri­gen Jun­gen be­geg­net. Ge­mein­sam fin­den sie wie­der zur Freu­de zu­rück – und brin­gen da­mit nicht nur ihre ei­ge­ne Far­be zu­rück, son­dern auch die der Welt.
„Красная лошадка“ ist ein schö­nes Bil­der­buch dar­über, wie trist die Welt er­scheint, wenn man un­glück­lich ist. Auch die­ses Bil­der­buch ist bis­her noch nicht auf Deutsch er­schie­nen.

  • Pau­li – Liebs­te Mama / Павлик – Мамин День. Bri­git­te We­nin­ger. Il­lus­tra­ti­on: Eve Thar­let. Über­set­zung: Ev­ge­ni Vish­nev­ski. Hue­ber. 2014. Ab 4 Jah­ren.
  • Lisa will ei­nen Hund / Лиза хочет собаку. Hel­ga Bansch. Über­set­zung: Ev­ge­ni Vish­nev­ski. Hue­ber. 2010. Ab 4 Jah­ren.
  • Die Kö­ni­gin der Far­ben / Королева Цветов. Jut­ta Bau­er. Über­set­zung: Eli­sa Mey­er. Schau­Hör Ver­lag. 2014. Ab 3 Jah­ren.
  • Только все вместе (Nur wir alle). Lo­renz Pau­li. Il­lus­tra­ti­on: Kath­rin Schä­rer. Über­set­zung: An­d­re­e­va Dar­ya. Ver­lag: Редкая птица. 2015. Ab 5 Jah­ren.
  • Марфа (Mar­fa). Gen­na­di Spi­rin. Ri­pol Klas­sik. 2012. Ab 4 Jah­ren.
  • Красная лошадка (Ro­tes Pferd­chen). Iri­na Troick­a­ja. Iz­dal – Ar­temiya Le­be­de­va Stu­dio. 2013. Ab 3 Jah­ren.

Ein Bei­trag zum Pro­jekt #lit­kin­der. Hier fin­det ihr alle Bei­trä­ge.

Il­lus­tra­tio­nen: Sei­ten­künst­ler Aa­ron (Lupe), Buch­stap­le­rin Mai­ke (Bär)

Über Zeichensetzerin Alexa 93 Artikel

Zeichensetzerin Alexa ist - in Begleitung des Buchfinken - an verschiedenen Orten der Bücherstadt anzutreffen. Außerhalb dieser arbeitet sie als Erzieherin in einem Bremer Elternverein, studiert Germanistik und Kunst-Medien-Ästhetische Bildung und gestaltet ihr Projekt Zeichenblicke.

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