So blau wie das Meer

Bit­te stei­gen Sie ein, wir tau­chen ab. Ma­chen Sie sich be­reit, be­rühm­te Ge­stal­ten der Li­te­ra­tur zu tref­fen, schreck­li­che und wun­der­schö­ne Mee­res­we­sen zu se­hen und das er­s­te U-Boot zu be­wun­dern. – Zei­len­schwim­me­rin Ron­ja hat eine Aben­teu­er­fahrt in „20.000 Mei­len un­ter dem Meer“ mit­ge­macht.

Pro­fes­sor Aron­nax, an­er­kann­ter Na­tur­wis­sesnschaft­ler, und sein treu­er As­sis­tent Con­seil er­hal­ten das An­ge­bot, bei ei­ner Ex­pe­di­ti­on mit­zu­rei­sen, die das We­sen, wel­ches seit Mo­na­ten die Mee­re un­si­cher macht, zu fin­den und un­schäd­li­ch zu ma­chen. Na­tür­li­ch kann der Pro­fes­sor nicht wi­der­ste­hen. Doch die Ex­pe­di­ti­on ver­läuft an­ders als ge­plant. Sie fin­den das We­sen, doch kei­ne Waf­fe kann ihm et­was an­ha­ben. Schließ­li­ch greift es so­gar das Schiff an und der Pro­fes­sor wird von Bord ge­schleu­dert. Con­seil, stets treu­er Die­ner, springt hin­ter­her und zieht den Pro­fes­sor auf den Rü­cken des „We­sens“, wo be­reits der eben­falls über Bord ge­gan­ge­ne Har­pu­nier Ned Land Zu­flucht ge­sucht hat. Schnell müs­sen sie er­ken­nen, dass sie kei­nes­falls auf dem Rü­cken ei­nes Tie­res ste­hen, son­dern auf von Men­schen ge­form­tem Me­tall: der Nau­ti­lus, dem ers­ten Un­ter­was­ser­boot. Von nun an sind sie Ge­fan­ge­ne auf der Nau­ti­lus, die von ei­nem ge­heim­nis­vol­len Mann be­herrscht wird: Ka­pi­tän Nemo.

Die Ge­schich­te

„20.000 Mei­len un­ter dem Meer“ ist ei­ner der be­kann­tes­ten Ro­ma­ne von Ju­les Ver­ne. Selbst ohne ihn ge­le­sen zu ha­ben, ist be­kannt, dass ein U-Boot, das „Nau­ti­lus“ heißt, und ein Mann na­mens „Nemo“ auf­tau­chen. Mir ging es nicht an­ders, mehr als das wuss­te ich je­doch nicht. Tat­säch­li­ch sind dies aber auch die wich­tigs­ten Ele­men­te der Ge­schich­te. Selbst­ver­ständ­li­ch er­le­ben sie auf ih­rer un­ter­see­ischen Rei­se noch an­de­re Aben­teu­er. Das sind je­doch eher kur­ze Epi­so­den, die mehr die Wun­der der Mee­re und die Ei­gen­schaf­ten des Ka­pi­täns un­ter­strei­chen sol­len.

Ju­les Ver­ne ist für sei­ne Zeit auch heu­te noch gut les­bar. Den­no­ch ist die Satz­struk­tur na­tür­li­ch an­ders. Dass es beim Le­sen manch­mal et­was schlep­pend vor­an­geht, liegt vor al­len an den vie­len Ab­schnit­ten mit Zah­len und wis­sen­schaft­li­chen (oder halb­wis­sen­schaft­li­chen) Er­güs­sen, die zum ei­nen na­tür­li­ch die Glaub­wür­dig­keit von Ver­nes Ge­schich­ten un­ter­strei­chen, zum an­de­ren aber in ih­rer An­zahl und Län­ge er­mü­dend wir­ken.
Die Hand­lung bleibt da­bei wei­test­ge­hend un­auf­ge­regt. Der Pro­fes­sor und sei­ne Ge­fähr­ten sind zwar Ge­fan­ge­ne auf der Nau­ti­lus, wer­den je­doch mehr wie Gäs­te be­han­delt und be­schäf­ti­gen sich ei­nen gro­ßen Teil ih­rer Rei­se mit Mee­res­tie­ren und Es­sen. Die Span­nung ent­wi­ckelt sich eher lang­sam bis zum Ende hin. Da­zwi­schen gibt es je­doch über­ra­schend bru­ta­le und blu­ti­ge Stel­len, von de­nen we­nigs­tens eine selbst aus heu­ti­ger Sicht ab­sto­ßend ex­pli­zit ist. Sie hal­ten sich je­doch in Gren­zen.

Die Aus­ga­be

Was il­lus­trier­te Aus­ga­ben an­geht, habe ich eine klei­ne (oder auch grö­ße­re) Schwä­che. Die­se Aus­ga­be von „20.000 Mei­len un­ter dem Meer“ ist al­ler­dings auch ein­fach wun­der­voll! Der Il­lus­tra­tor Wil­liam O’Conner fängt in sei­nen Bil­dern die Stim­mun­gen gran­di­os ein. Schon das Vor­satz­pa­pier emp­fängt mit ei­ner skiz­zen­haf­ten Zeich­nung des In­ne­ren der Nau­ti­lus. Je­des Ka­pi­tel be­ginnt mit ei­ner Zeich­nung, Por­traits und Sze­nen ste­hen ne­ben dem Text und zwi­schen­d­rin gibt es ganz­sei­ti­ge oder so­gar dop­pel­sei­ti­ge far­bi­ge Il­lus­tra­tio­nen, in präch­ti­gen Blau­tö­nen. Oben­drein se­hen alle Sei­ten aus, als sei­en sie be­reits alt und ver­gilbt, so­dass zu­sam­men mit den ab­ge­druck­ten Kar­ten ein wirk­li­ches Aben­teu­er­buch­ge­fühl ent­steht.

„20.000 Mei­len un­ter dem Meer“ in ei­ner so schö­nen Aus­ga­be zu le­sen, hat sehr viel Spaß ge­macht. Da­durch wur­den die et­was lang­at­mi­gen Stel­len, die ein­fach der Zeit der Ent­ste­hung ge­schul­det sind, aus­ge­gli­chen und bo­ten An­reiz, wei­ter­zu­le­sen. Für Fans von Ju­les Ver­ne und/oder il­lus­trier­ten Bü­chern ist die­se Aus­ga­be oh­ne­hin emp­feh­lens­wert, aber auch „Neu­ein­stei­gern“ soll­te sie durch­aus gut ge­fal­len.

Noch eine klei­ne An­mer­kung:
Beim Le­sen habe ich mich im­mer wie­der an der An­ga­be im Ti­tel ge­stört: „20.000 Mei­len“. Es ist nicht mög­li­ch auf der Erde 20.000 Mei­len tief zu tau­chen (1 See­mei­le ent­spricht etwa 1,85 Ki­lo­me­tern). Und Prof. Ar­ro­nax gibt an, dass sie am Ende 80.000 Ki­lo­me­ter mit der Nau­ti­lus ge­fah­ren sind. In der Län­ge geht es also auch nicht auf. Des Rät­sels Lö­sung : „Mei­len“ be­zeich­nen hier nicht die heu­te noch man­cher­orts üb­li­chen Land- oder See­mei­len, son­dern ein al­tes fran­zö­si­sches Län­gen­maß na­mens Leu­ge (oder lieue), die etwa vier Ki­lo­me­tern ent­spricht.

20.000 Mei­len un­ter dem Meer. Ju­les Ver­ne. Über­set­zung: Gün­ther Jür­gens­mei­er, Gun­du­la Müller-Wallraf. Il­lus­tra­ti­on: Wil­liam O‘Conner. Kne­se­be­ck Ver­lag. 2017. / Il­lus­tra­ti­on aus dem In­nen­teil: Kne­se­be­ck Ver­lag.

Über Zeilenschwimmerin Ronja 9 Artikel
Haust zwischen Regalreihen voller Bücher und schmiert sich beim Schreiben immer die Hände mit Tinte voll. Momentan studiert sie Transnationale Literaturwissenschaft. Dort kann sie sich nicht nur weiter mit Literatur beschäftigen, sondern auch ihrem zweiten Laster, dem Film, ganz offiziell weiter hingeben.

Kommentar hinterlassen

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*