Pferde und andere (Wort-)Tiere

Gram­ma­tik und Renn­pfer­de – das soll zu­sam­men­pas­sen? Die­se Fra­ge stellt sich auch Sal­li Sturm, die Prot­ago­nis­tin in An­ge­li­ka Jodls „Die Gram­ma­tik der Renn­pfer­de“. Worte­we­be­rin An­ni­ka hat sich den Ro­man von Mar­ti­na Ge­deck vor­le­sen las­sen.

Sal­li ar­bei­tet als Deutsch­leh­re­rin an ei­ner Münch­ner Sprach­schu­le und un­ter­rich­tet dort Sprach­schü­le­rin­nen und Sprach­schü­ler aus al­ler Welt. Für ihre Schütz­lin­ge zau­bert sie mit Wort­tie­ren und nimmt Prä­po­si­tio­nen und Ar­ti­keln den Schre­cken. Nur an ih­rem neu­en Schü­ler Ser­gey beißt sie sich die Zäh­ne aus, denn der rus­si­sche Pfer­de­freund ist viel lie­ber in Stäl­len und auf der Renn­bahn un­ter­wegs, als sich die deut­sche Syn­tax nä­her brin­gen zu las­sen. Trotz­dem ist er auf Sal­li an­ge­wie­sen, um ein Pferd zu kau­fen und ei­nen Hof zu pach­ten – die bei­den ma­chen also ei­nen Deal: Ser­gey lernt Deutsch, da­für hilft Sal­li mit dem Pferd. Ob das funk­tio­nie­ren kann?

Wo die Lie­be hin­fällt...

Dass das ir­gend­wie funk­tio­niert, wird schnell klar, denn die Che­mie stimmt zwi­schen der Gram­ma­tik­freun­din und dem Pfer­de­lieb­ha­ber. Ziem­lich gut so­gar ver­ste­hen sich die bei­den, so gut, dass schließ­lich mehr aus ih­nen wird, als Schü­ler und Leh­re­rin. In ei­ner an­de­ren Lie­bes­ge­schich­te hät­te Sal­li mit ih­ren über 50 Jah­ren höchs­tens noch eine Ne­ben­rol­le ab­be­kom­men, als al­tern­de Nach­ba­rin oder müt­ter­li­che Freun­din. Hier aber spielt sie die Haupt­rol­le, denn wer hat ge­sagt, dass man sich nicht auch jen­seits der 50er noch ver­lie­ben kann?
Dass das nicht nur mit Schmet­ter­lin­gen und ro­sa­ro­ten Wölk­chen ver­bun­den ist, son­dern auch mit ganz prag­ma­ti­schen As­pek­ten, zeigt An­ge­li­ka Jodl an­schau­lich. Auch die Be­den­ken und Ängs­te ei­ner al­lein­ste­hen­den Frau in ih­ren 50ern wer­den ein­fühl­sam dar­ge­stellt. Was noch dazu kommt, sind Sal­lis Ängs­te auf­grund ih­rer feh­len­den Uni­ver­si­täts­bil­dung. Denn an­ders als alle ihre Kol­le­gen hat sie we­der Dok­tor­ti­tel noch Di­plom, son­dern vor al­lem ein Ge­spür für Wor­te und Gram­ma­tik. Dass das nicht für alle aus­reicht und wie viel so ein Ti­tel doch be­deu­tet – auch das ist The­ma in „Die Gram­ma­tik der Renn­pfer­de“. Der Ro­man ist also weit­aus mehr als eine Lie­bes­ge­schich­te, al­les an­de­re als ba­nal und vol­ler Denk­an­stö­ße. Noch dazu kann man so ei­ni­ges über die deut­sche Spra­che ler­nen.

Stim­men­spek­ta­kel

Im Hör­buch haucht Mar­ti­na Ge­deck den Fi­gu­ren Le­ben ein. Ge­ra­de in ei­nem Ro­man, in dem es um Spra­che und Spre­chen geht, ist ein Hör­buch groß­ar­tig. Die Schau­spie­le­rin ver­leiht den Fi­gu­ren Cha­rak­ter, sorgt durch ihre Stimm­küns­te da­für, dass Ser­geys rus­si­scher Ak­zent sym­pa­thisch wirkt und gibt auch Sal­li eine ganz be­son­de­re Stim­me. Da­bei wech­selt sie so schnell und vir­tu­os zwi­schen den ein­zel­nen Sprech­wei­sen, dass es eine wah­re Freu­de ist. „Die Gram­ma­tik der Renn­pfer­de“ ist als Hör­buch wun­der­bar un­ter­halt­sam!

Die Gram­ma­tik der Renn­pfer­de. An­ge­li­ka Jodl. Ge­le­sen von Mar­ti­na Ge­deck. Ran­dom Hou­se Au­dio. 2016.

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