„Nenne meinen Namen nicht!“

„Nen­ne mei­nen Na­men nicht!“ Die­ser Satz hat Bü­cher­bän­di­ge­rin Eli­sa­beth zum Grü­beln ge­bracht.

Dass so manch ei­ner – zum Teil auch zu Recht – über ei­nen et­was un­glück­lich ge­ra­te­nen Nach­na­men klagt, ist ja ver­ständ­lich. Doch als je­mand sei­nen ei­ge­nen Vor­na­men so ver­leug­ne­te, hat mich das et­was stut­zig ge­macht. Si­cher, es gibt El­tern, die sich et­was ganz „Be­son­de­res“ für ihr Kind aus­den­ken, was dann aber für Soh­ne­mann oder Töch­ter­chen im ver­nunft­mä­ßi­gen Al­ter kei­nes­wegs vor­teil­haft ist. Dass es sich da­bei all­zu oft al­ler­dings um re­la­tiv nor­ma­le, ge­bräuch­li­che Na­men han­delt, sei hier nicht ver­schwie­gen.

Als ich dann er­fah­ren habe, wie je­mand aus mei­nem Freun­des­kreis sei­nen nor­ma­len, un­auf­fäl­li­gen Vor­na­men in ei­nen au­ßer­ge­wöhn­li­chen – wahr­schein­lich kel­tisch – an­ge­hauch­ten ge­än­dert hat (Ja, rich­tig! Mit Amt und Do­ku­ment und so), muss­te ich mir ernst­haft über­le­gen wie sehr man sei­nen Na­men wohl has­sen muss­te, um ei­nen sol­chen Schritt zu ma­chen. Na­tür­lich sucht man ihn sich nicht selbst aus. Der Name wird ei­nem auf­ge­drückt und ist mit Vor­stel­lun­gen, Be­deu­tun­gen und auch Vor­ur­tei­len be­haf­tet. Man den­ke nur an die ar­men Ke­vins die­ser Welt. Die­ser Name ist im­mer­hin – zu­min­dest im deutsch­spra­chi­gen Raum – von ei­nem mo­der­nen, eng­li­schen Na­men zu ei­nem Syn­onym für „nicht ganz so in­tel­li­gent“ ab­ge­stie­gen. Vom weib­li­chen Na­men „Chan­tal“, dem der gleich­na­mi­ge Cha­rak­ter im Film „Fack ju Göh­te“ die Kro­ne auf­ge­setzt hat, gar nicht zu spre­chen.

Doch fra­ge ich mich, ob man sich dann so sehr mit der Be­deu­tung sei­nes Na­mens iden­ti­fi­zie­ren will, dass die­ser nicht mehr pas­send wirkt oder eben ge­nau das Ge­gen­teil. Geht es über­haupt um den Sinn oder ein­fach nur um den Klang und wie ein Name in der Ge­sell­schaft wirkt? Ster­ben des­we­gen alte Na­men aus? Schwap­pen Na­men des­halb aus an­de­ren Län­dern her­über? Wird die Aus­wahl für El­tern ein­fach zu groß, da nun ja qua­si al­les er­laubt ist? Wenn man sich die Ur­tei­le von man­chen Ge­rich­ten an­sieht, wie El­tern ihre Kin­der nen­nen dür­fen, schei­nen die Gren­zen des Mach­ba­ren schon über­schrit­ten, wenn nicht gar ge­sprengt zu sein.

Schließ­lich habe ich mich an mich selbst er­in­nert. Man dre­he die Zeit zu­rück in mei­ne Sturm- und Drang­pha­se – die glor­rei­che Pu­ber­tät. Eine Zeit, in der man al­les kri­tisch be­trach­tet und hin­ter­fragt und prin­zi­pi­ell erst ein­mal ne­ga­tiv wahr­nimmt, bis man sich vom Ge­gen­teil über­zeu­gen lässt. Da­bei spie­len Ar­gu­men­te nicht im­mer die größ­te Rol­le. Zu­min­dest bei mir war es so. Ich hat­te da­mals ei­nen Spitz­na­men. Nein, meh­re­re. Als ich nach der Be­deu­tung mei­nes Na­mens ge­forscht habe – man ist ja neu­gie­rig – woll­te ich da­mit nichts mehr zu tun ha­ben. Ich woll­te so nicht mehr ge­nannt wer­den, denn die re­li­giö­se, christ­li­che Be­deu­tung da­hin­ter war so gar nicht das, was ich da­mals als „cool“ emp­fand. Iden­ti­fi­ziert habe ich mich da­mit so ganz und gar nicht. Ich hat­te ja Spitz­na­men.

We­der in mei­ner Fa­mi­lie noch un­ter mei­nen Freun­den wur­de ich mit vol­lem Vor­na­men an­ge­spro­chen. Ih­nen ge­fiel also of­fen­bar der Name auch nicht. Ergo brauch­te ich ihn nicht. Nun ja, bis ich dann eben doch er­wach­sen wer­den muss­te und vor mei­nem ers­ten Chef stand. Klingt auch blöd sich vor­zu­stel­len mit: „Hal­lo, ich wäre dann die Lisi.“ Ein „rich­ti­ger“ Name muss­te her und schon war mein Vor­na­me wie­der ge­bräuch­lich und wich­tig. Heu­te lebe ich recht gut da­mit. Ich stel­le mich so vor wie es in der Si­tua­ti­on ge­ra­de an­ge­bracht ist.

Den Sinn mei­nes Na­mens brin­ge ich mit mir selbst im­mer noch nicht in Ver­bin­dung, doch das macht nichts. So streng muss man es ja nicht neh­men und ich höre nun auch dar­auf, wenn man mich mal nicht mit mei­nem Spitz­na­men an­spricht. Vor al­lem aber bei mei­nen El­tern: Wenn sie mich mit rich­ti­gem Vor­na­men an­spre­chen ist Ge­fahr im An­marsch. Dann heißt es Bei­ne in die Hand neh­men, denn dann hab‘ ich was aus­ge­fres­sen.

War­um also so streng mit sei­nem ei­ge­nen Vor­na­men um­ge­hen, wenn die an­de­ren es auch nicht tun? Spitz­na­men sind schnell ge­fun­den. Den rich­ti­gen Vor­na­men ver­wen­det man meist wohl eher im Zu­sam­men­hang mit di­stan­zier­tem Re­spekt. Je nä­her man sich steht, umso mehr wird der Name ver­än­dert. Manch­mal auch ge­zwun­ge­ner­ma­ßen. Ein sehr kras­ses Bei­spiel er­fuhr ich vor ei­ni­gen Jah­ren. Ein Ja­pa­ner mit Na­men Atsu­shi (im Ja­pa­ni­schen wer­den Vo­ka­le wie „u“ ger­ne ver­schluckt, die Schwie­rig­keit ei­ner rich­ti­gen Aus­spra­che ist also durch­aus ver­ständ­lich) er­zähl­te mir, dass er wäh­rend des Stu­di­ums in Deutsch­land mit ei­nem ganz an­de­ren Na­men be­nannt wor­den war. Grund da­für war, dass sei­ne Kom­mi­li­to­nen es wohl nicht ge­schafft hat­ten, sei­nen Na­men rich­tig aus­zu­spre­chen (zu de­ren Ver­tei­di­gung: ein­fach war er wirk­lich nicht). Al­ler­dings mach­ten sie sich nicht ein­mal die Mühe, es zu ver­su­chen und nann­ten ihn statt­des­sen Ta­ke­shi – nach der ja­pa­ni­schen Fern­seh­se­rie, die je­der kann­te.

Ist ein ge­ge­be­ner Name denn so wert­los, dass man sich nicht ein­mal die Mühe ma­chen muss, den an­de­ren rich­tig an­zu­spre­chen? Macht man sich selbst um sei­nen Na­men mehr Ge­dan­ken als an­de­re? Gibt es da­für ei­gent­lich über­haupt eine all­ge­mein gül­ti­ge Ant­wort? Ich habe sie noch nicht ge­fun­den.

Il­lus­tra­ti­on: Sei­ten­künst­ler Aa­ron

2 Kommentare zu „Nenne meinen Namen nicht!“

  1. Schö­ne Ge­dan­ken, Lisi! Bei mir stellt sich das Pro­blem eher we­ni­ger, mein Vor­na­me ist mit drei Buch­sta­ben nicht für Ab­kür­zun­gen ge­macht und aus Pia hat sich auch noch kein an­de­rer Spitz­na­me er­ge­ben. Da­für hat zB mei­ne Mut­ter ei­nen sehr un­ge­wöhn­li­chen Na­men. Sie heißt Bur­ga – ein Name der mir na­tur­ge­mäß ganz nor­mal vor­kommt, an­de­re sind in ih­rem Le­ben aber oft dar­über ge­stol­pert und be­son­ders als Kind und Ju­gend­li­che war das durch­aus ein The­ma. Mei­ne Schwes­ter ge­nau­so – sie heißt Car­lot­ta Leo­nie und wird bis heu­te Lot­ta ge­nannt. Ein „Car­lot­ta!” hat sich für sie auch schnell, ähn­lich wie bei dir, zu ei­nem „Oh, oh, was hab ich jetzt an­ge­stellt?” ent­wi­ckelt 😉
    Auch mit mei­nem Nach­na­men hat­te ich Glück. Zar­steck muss ich zwar stän­dig buch­sta­bie­ren, aber er ist in Deutsch­land ein­zig­ar­tig, wes­we­gen ich nach mei­ner Hoch­zeit auch nicht be­reit war, ihn her­zu­ge­ben (Üb­ri­gens auch ein span­nen­des Dis­kus­si­onthe­ma: War­um muss in der Ge­sell­schaft über­wie­gend im­mer noch die Frau den Na­men des Man­nes an­neh­men? Das ist für er­staun­lich vie­le noch im­mer ein ganz schö­ner Stol­per­stein, das hat­te ich gar nicht er­war­tet..)
    Wenn ich mir Ar­ti­kel über ak­tu­el­le Vor­na­men in Deutsch­land an­gu­cke, muss ich aber auch den Kopf schüt­teln. In mei­ner Klas­se wa­ren da­mals Sa­rahs und Ju­li­as ohne Ende, aber ein Bub oder eine Sundance muss es ja auch nicht un­be­dingt sein ^^

    • Hi Pia, ich nen­ne mich auch lie­ber Ale­xa als Alex­an­dra. Ir­gend­wie iden­ti­fi­zie­re ich mich eher mit der kür­ze­ren Ver­si­on. Und wenn ich mal Alex­an­dra ge­nannt wer­de, klingt das in mei­nen Oh­ren tat­säch­lich nach „Oh, oh, was hab ich jetzt an­ge­stellt?”, es sei denn, es han­delt sich bei der ru­fen­den Per­son nicht um Bekannte/Verwandte. Bzgl. Nach­na­men muss ich dir zu­stim­men: Sehr oft neh­men die Frau­en den Na­men des Man­nes an – zu­min­dest in mei­nen Krei­sen. Das kann un­ter­schied­li­che Grün­de ha­ben. Scha­de fin­de ich, dass es ge­sell­schaft­lich noch im­mer nicht „ok” ist und man sich für die Wahl recht­fer­ti­gen muss, wenn ein Mann den Na­men der Frau an­nimmt. Auf der an­de­ren Sei­te wür­de ich aber auch nicht wol­len, dass mich mo­der­ne Frau­en kri­ti­sie­ren, nur weil ich mich be­wusst für den Na­men des Man­nes ent­schie­den habe – völ­lig un­ab­hän­gig von den Er­war­tun­gen oder Sons­ti­gem – son­dern schlicht aus dem Grund, weil er bes­ser klingt. So weit mei­ne Ge­dan­ken dazu. 😉 LG

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