Musikalisch-philosophische Gefühlswelten

„Die Sa­che Me­tro­po­lis“ ver­webt die Schick­sa­le ver­schie­de­ner Prot­ago­nis­ten über meh­re­re Jahr­hun­der­te mit der Lie­be zur Mu­sik, der Oper und Ri­chard Wag­ner. Doch nicht nur Mu­sik­be­geis­ter­te wer­den vom De­büt­ro­man des ame­ri­ka­ni­schen Au­tors Mat­thew Gal­la­way mit­ge­ris­sen. Er­zähl­de­tek­ti­vin An­net­te ha­ben eben­so die phi­lo­so­phi­schen und er­zäh­le­ri­schen Qua­li­tä­ten des Werks tief be­ein­druckt.

Mat­thew Gal­la­way ist mehr als ein Mu­sik­fan. Die Lie­be zur Mu­sik in ih­ren man­nig­fal­ti­gen Fa­cet­ten ist der Grund­pfei­ler sei­nes epi­schen Erst­lings­werks „Die Sa­che Me­tro­po­lis“. Ne­ben der wich­ti­gen Fi­gur Ri­chard Wag­ners – und be­son­ders sei­ner Oper „Tris­tan und Isol­de“ – fin­den auch so un­ter­schied­li­che Künst­ler wie Vel­vet Un­der­ground, My Bloo­dy Va­len­ti­ne, The Ra­mo­nes, The Cure, Kate Bush, Do­no­van oder Echo & The Bun­ny­men Er­wäh­nung. Mu­sik ist für die Prot­ago­nis­ten nicht nur ein In­ter­es­se, es ist der Ver­such, der schnö­den Be­lang­lo­sig­keit des Le­bens zu ent­kom­men. Es rührt fast zu Trä­nen, wenn Gal­la­way die Stär­ke und Schön­heit ei­ner Mu­sik­auf­füh­rung be­schreibt, die die Macht hat, ihre Zu­hö­rer tief im In­nern zu be­rüh­ren und ihre Le­ben zu ver­än­dern.

Da­bei ge­lingt es dem Au­tor vor­treff­lich, die Ge­füh­le in den un­ter­schied­li­chen Le­bens­pha­sen sei­ner Prot­ago­nis­ten ein­zu­fan­gen; wie bei­spiels­wei­se die kom­pli­zier­ten, sich ste­tig ver­än­dern­den Ge­fühls­wel­ten ei­nes her­an­wach­sen­den Teen­agers, die er ohne Kitsch oder Über­e­mo­tio­na­li­tät be­schreibt.
Sei­ne Fi­gu­ren su­chen nach dem Sinn hin­ter den Din­gen und in ih­rem Le­ben und kom­men zu eben­so nüch­ter­nen wie pro­fun­den Er­kennt­nis­sen. Etwa, dass man viel häu­fi­ger ein Ka­pi­tel sei­nes Le­bens be­en­den soll­te, um sich in ei­nem neu­en Ab­schnitt wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Oder dass Mu­sik nicht nur der Sound­track der ei­ge­nen Er­in­ne­run­gen ist, son­dern zeit­li­che, räum­li­che und kul­tu­rel­le Gren­zen über­win­den kann. Das Le­ben neigt dazu, im­mer wie­der neue For­men des Kum­mers her­vor­zu­brin­gen, doch Mu­sik kann ei­nen kur­zen Blick auf sei­ne Schön­heit ge­wäh­ren, der im Zwei­fels­fall den Un­ter­schied zwi­schen dem Wunsch zu le­ben oder zu ster­ben aus­ma­chen kann.

An­spruchs­vol­le Li­te­ra­tur mit tie­fen Ge­füh­len

Ne­ben der Mu­sik spielt auch Li­te­ra­tur eine gro­ße Rol­le. So sin­niert Gal­la­way mit Blai­se Pas­cal über die Qua­len der See­le und mit Marx über un­se­re ka­pi­ta­lis­ti­sche Ge­sell­schaft. Den­noch ist „Die Sa­che Me­tro­po­lis“ kei­nes­falls über­am­bi­tio­niert. Dem Ro­man ge­lingt der Spa­gat zwi­schen an­spruchs­vol­len Bil­dungs­bür­ger­werk à la Tho­mas Manns „Der Zau­ber­berg“ – so sind bei­spiels­wei­se Englisch- und Fran­zö­sisch­kennt­nis­se von Vor­teil – und lo­cke­rem Un­ter­hal­tungs­ro­man mit sym­pa­thi­schen Fi­gu­ren. Dies liegt nicht zu­letzt an Gal­la­ways ei­ge­nem Hu­mor, der auch erns­ten The­men die An­stren­gung nimmt.
So fin­den bei­spiels­wei­se die An­schlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001 Er­wäh­nung. In Ver­bin­dung mit der naiv-verträumten Mu­sik des schot­ti­schen Künst­lers Do­no­van bil­den sie für Prot­ago­nist Mar­tin je­doch den Hin­ter­grund für eine Be­stands­auf­nah­me sei­nes bis­he­ri­gen Le­bens. In sol­chen Au­gen­bli­cken ent­fal­tet Gal­la­way sei­ne vol­le Stär­ke als Au­tor.

Die Fi­gu­ren su­chen ih­ren Platz im Le­ben und in der Welt. Sie alle durch­lau­fen eine star­ke Ent­wick­lung und es macht gro­ße Freu­de, sie auf ih­rem Weg zu be­glei­ten. Sie müs­sen mit Trau­er und Ver­lust um­ge­hen, aber fin­den auch in­ne­re Stär­ke und wach­sen an Er­fah­run­gen, so­dass sie zu ei­ner bes­se­ren Ver­si­on ih­rer selbst wer­den. Auf die ein­fühl­sa­me Be­schrei­bung der Lie­be zwi­schen dem Opern­sän­ger Lu­ci­en und sei­nem Part­ner Edu­ard folgt die un­ge­schmink­te Er­kennt­nis, dass wir nach ei­nem Ver­lust we­ni­ger um an­de­re trau­ern, als um un­se­re ei­ge­nen ver­pass­ten Ge­le­gen­hei­ten. Wenn Gal­la­way das liebevoll-abweisende Ver­hal­ten von Kat­zen be­schreibt, die Freu­de, die sie ei­nem Men­schen brin­gen kön­nen und der Schmerz ih­res Ver­lus­tes, zeigt er end­gül­tig, dass die klei­nen und gro­ßen Din­ge im Le­ben stets in­ein­an­der­grei­fen.

Trotz Vor­her­seh­bar­keit gro­ße Wir­kung

Le­dig­lich das Auf­ein­an­der­tref­fen der Fi­gu­ren ist teil­wei­se zu zweck­mä­ßig und pas­send für die Hand­lung und be­reits wäh­rend des Le­sens lässt sich er­ah­nen, wie die Ge­schich­ten der Prot­ago­nis­ten zu­sam­men­hän­gen. Die gro­ße Auf­lö­sung kommt da­her nicht mehr ganz so über­ra­schend. Der Wir­kung des Ro­mans tut dies je­doch kei­ner­lei Ab­bruch. Auch die letzt­end­li­che Er­kennt­nis fügt sich pas­send in das Ge­samt­werk ein und wirkt in kei­ner Wei­se ba­nal oder ab­ge­stan­den. Da­nach ist jede Wahr­heit, für die es sich zu le­ben oder zu ster­ben lohnt, flüch­tig und den Än­de­run­gen der Zeit un­ter­wor­fen – hin­ge­gen muss jede blei­ben­den Wahr­heit un­wei­ger­lich ba­nal wer­den. Schließ­lich müs­sen wir nicht we­ni­ger, als dem Le­ben un­se­ren ei­ge­nen Sinn ge­ben. Und Mu­sik ver­mag uns da­bei zu hel­fen.

Die Sa­che Me­tro­po­lis. Mat­thew Gal­la­way. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch von An­dre­as Die­sel. Al­bi­no Ver­lag. 2017. 

Über Erzähldetektivin Annette 9 Artikel
Als Philosophie- und Geschichtsstudentin lese und schreibe ich viel im wissenschaftlichen Bereich. Privat verbringe ich meine Zeit mit der Lektüre unterschiedlichster Werke, bin passionierter Film- und Serienfan und würde das Cinemaxx Bremen als zweites Wohnzimmer bezeichnen. Musik brauche ich wie die Luft zum Atmen und versuche, so viele Konzerte wie möglich in einem Jahr unterzubringen. Auch dem Theater, Lesungen und Museen bin ich nicht abgeneigt. Außerdem habe ich einen Hund und Katzen. Viele Katzen.

1 Kommentar zu Musikalisch-philosophische Gefühlswelten

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*