Erwachsen werden? PFUI!

Buch­stap­le­rin Mai­ke hat es sich nicht neh­men las­sen, sich das Best Of von Sa­rah An­der­sons selbst­iro­ni­schen Co­mic­strips in ge­druck­ter Form vor­zu­knöp­fen. „Er­wach­sen werd ich (viel­leicht) spä­ter” (riva) hält den jun­gen Er­wach­se­nen von heu­te ei­nen Spie­gel vor und zeigt, dass das Le­ben vol­ler Schre­cken, Un­si­cher­heit, Er­war­tun­gen steckt. Ein­zi­ges Ge­gen­mit­tel: Sar­kas­mus und Schlab­ber­pul­lis.

End­lich ist der Schul­ab­schluss ge­schafft! Jetzt kom­men die gro­ßen Din­ge: Tol­ler Job, So­zi­al­le­ben, er­fül­len­de Be­zie­hung, vor­bild­lich ge­führ­ter Haus­halt, und da­bei sieht man im­mer per­fekt ge­stylt aus und ist to­tal ge­chillt. Für wen das al­lein beim Le­sen nach Über­for­de­rung klingt: Will­kom­men im Club! In ei­nem Co­mic pro Sei­te und in nie mehr als sechs Pa­nels fängt Sa­rah An­der­son Be­ob­ach­tun­gen und Kom­men­ta­re zur mo­der­nen Welt ein. Sar­kas­tisch und gleich­zei­tig wei­se ent­blößt An­der­son den All­tag als Fol­ter­kam­mer für in­tro­ver­tier­te Men­schen, von Ge­sell­schafts­stan­dards ver­un­si­cher­te jun­ge Frau­en und frisch­ge­ba­cke­ne Er­wach­se­ne.
Es braucht we­der vie­le Wor­te noch raf­fi­nier­te Zeich­nun­gen, um zu be­wei­sen, dass es ver­dammt schwer ist, das ei­ge­ne Le­ben in den Griff zu be­kom­men. In­dem alle Wit­ze auf Kos­ten von Comic-Sarah mit ih­ren Wu­schel­haa­ren und Glub­sch­au­gen ge­macht wer­den, wir­ken die Schwarz-Weiß-Strips au­then­tisch und umso wit­zi­ger. Es macht Spaß, sich zwi­schen ih­rer Selbst­sa­bo­ta­ge und der Un­ge­rech­tig­keit der Welt wie­der­zu­ent­de­cken.

Eine Kost­pro­be? Die Un­ge­rech­tig­keit, dass alle an­de­ren viel bes­ser sind, als man selbst – und das, ob­wohl man ge­ra­de erst so toll die Woh­nung ge­putzt hat, an­statt das wich­ti­ge Re­fe­rat vor­zu­be­rei­ten. Die Un­ge­rech­tig­keit, dass das hart­ver­dien­te Geld to­tal schnell weg ist, wenn man es für un­nüt­zes Zeug aus­gibt. Die Un­ge­rech­tig­keit, dass Mäd­chen sich nicht Achsel- und Be­in­haa­re sprie­ßen las­sen dür­fen, ob­wohl das to­tal flau­schig ist. Und dann kom­men auch noch die Tü­cken der so­zia­len Me­di­en, die na­hen­de Pe­ri­ode und der größ­te Hor­ror von al­len hin­zu: an­de­re Men­schen! Uff. Erst­mal mit dem Lieb­lings­pul­li auf dem Sofa ent­span­nen.

„Ent­schul­di­ge mich kurz, ich habe nur mal eben eine klei­ne Selbstwert-, Sinn- und Schaf­fens­kri­se.”

Be­kannt sind Sa­rah An­der­sons Co­mic­strips schon längst aus dem In­ter­net. Un­ter dem Na­men „Sarah’s Scribbles” ver­öf­fent­licht die jun­ge Zeich­ne­rin ihre Ar­beit in di­ver­sen so­zia­len Me­di­en. „Er­wach­sen werd ich (viel­leicht) spä­ter” ist nur eine Aus­wahl der bes­ten Strips, de­nen aber al­len ge­lingt, den Zeit­geist ein­zu­fan­gen. Es sind nicht nur die Lei­den der jun­gen In­tro­ver­tier­ten (nach au­ßen lä­cheln, nach in­nen schrei­end an der Welt ver­zwei­feln), die den Charme des Buchs aus­ma­chen. Schluss­end­lich ist je­der Co­mic­strip mal mehr, mal we­ni­ger sub­ti­ler Kom­men­tar auf eine mo­der­ne Ge­sell­schaft, in der nie­mand so recht sei­nen Platz zu fin­den glaubt. Da ist es durch­aus mög­lich, sich gleich­zei­tig ur­alt und kin­disch, in­tel­lek­tu­ell und dumm, ober­cool und toll­pat­schig zu füh­len.

Längst kein Ge­heim­tipp mehr: Sa­rah An­der­sons Co­mics sind das wei­ses­te und wit­zigs­te, das den Weg ins Bü­cher­re­gal fin­den kann. Aber Ach­tung: Sinn­kri­se beim Le­sen nicht aus­ge­schlos­sen!

Er­wach­sen werd ich (viel­leicht) spä­ter. Sa­rah An­der­son (Text und Il­lus­tra­ti­on). Aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch von Man­fred Al­lié. Riva. 2016.

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