Erinnerungen im Gepäck

In „Die Dame mit dem blau­en Kof­fer“ taucht eine jun­ge Al­ten­pfle­ge­rin in die Ver­gan­gen­heit ein und kann da­durch auch in der Ge­gen­wart end­lich Fuß fas­sen. Worte­we­be­rin An­ni­ka hat die­ses Buch fürs Herz ge­le­sen – das teil­wei­se aber gar nicht ganz so leich­te Kost ist.

Hé­lè­ne sitzt im Lie­ge­stuhl am Strand, es riecht nach Son­nen­milch und Salz. Sie be­ob­ach­tet die Ba­den­den und war­tet auf Lu­ci­en, der ihr das Le­sen bei­brach­te und den sie liebt. Gleich­zei­tig sitzt sie im Pfle­ge­heim „Haus Hor­ten­sie“, es riecht nach Des­in­fek­ti­ons­mit­tel und al­ten Men­schen. Re­gel­mä­ßig kom­men Hé­lè­nes Toch­ter und En­kel zu Be­such, an al­len an­de­ren Ta­gen hat die jun­ge Pfle­ge­rin Jus­ti­ne ein of­fe­nes Ohr für Hé­lè­ne und lernt so al­les über die Ver­gan­gen­heit der über 90 Jah­re al­ten Frau: Wie Lu­ci­en und sie sich ken­nen­lern­ten, vom ge­mein­sa­men Café, der Nach­kriegs­zeit...
Auf Bit­ten des En­kels schreibt Jus­ti­ne die­se Ge­schich­ten auf und wird zu Hé­lè­nes Chro­nis­tin. Zur sel­ben Zeit be­gibt sie sich auch auf eine Rei­se in die ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit. Zu­fäl­lig wird sie dar­auf auf­merk­sam, dass der Zu­sam­men­stoß, bei dem ihre El­tern, ihr On­kel und ihre Tan­te im Auto star­ben, viel­leicht gar kein Un­fall war. Was ist der ei­gent­li­che Grund da­für, dass sie und ihr Cou­sin bei den Groß­el­tern auf­wach­sen muss­ten? Durch ihre Nach­for­schun­gen ge­winnt Jus­ti­ne nach und nach Selbst­ver­trau­en.

Eine star­ke Hel­din

Jus­ti­ne ist eine sehr star­ke Hel­din, die der Rea­li­tät mu­tig ins Ge­sicht sieht und gleich­zei­tig an­de­re Men­schen da­vor be­wah­ren möch­te, von der Wahr­heit ge­trof­fen zu wer­den. Ihre Ar­beit im Pfle­ge­heim liebt sie, ob­wohl sie bei Wei­tem die Jüngs­te dort ist und die Ge­schich­ten der Men­schen sie kaum los­las­sen. Doch auch als sich im Lau­fe des Ro­mans vie­les für Jus­ti­ne selbst än­dert, bleibt sie sich und dem „Haus Hor­ten­sie“ treu. Gleich­zei­tig ist sie eine Prot­ago­nis­tin mit Bin­dungs­angst, die von der Lie­be kei­ne Ah­nung hat und sie letzt­end­lich auch nicht dort fin­det, wo sie da­nach sucht (und wo man sie als Le­ser er­war­ten wür­de). Ihre un­glei­che Be­zie­hung, die man ei­gent­lich kaum so nen­nen kann, zu ei­nem Mann, des­sen Na­men sie nicht ein­mal kennt, ist über­ra­schend un­ro­man­tisch.

Kein Wohl­fühl­ro­man?

Sti­lis­tisch be­darf „Die Dame mit dem blau­en Kof­fer“ an­fangs et­was Ge­wöh­nung, denn die Au­to­rin (oder die Über­set­ze­rin) ver­sucht mit Vo­ka­beln wie „ab­knut­schen“ den Ton ei­ner Ein­und­zwan­zig­jäh­ri­gen zu tref­fen. Das klingt je­doch eher ge­stelzt. Da­von ab­ge­se­hen aber über­zeugt der Ro­man. Ins­be­son­de­re das, was Jus­ti­ne über ihre ei­ge­ne Fa­mi­lie ans Licht bringt, ist er­schre­ckend. So fröh­lich und leicht­fü­ßig wie man durch das Um­schlag­bild ver­mu­ten könn­te, ist „Die Dame mit dem blau­en Kof­fer“ nicht. Aber die Schick­sa­le der Fi­gu­ren be­rüh­ren und na­tür­lich kom­men auch die schö­nen Mo­men­te samt Hap­py End für Jus­ti­ne nicht zu kurz.

Die Dame mit dem blau­en Kof­fer. Valé­rie Per­rin. Aus dem Fran­zö­si­schen von Els­beth Ran­ke. Knaur. 2017.

Über Worteweberin Annika 34 Artikel
Ich wäre ger­ne ein klei­nes Buch, das man ir­gend­wann mal ge­le­sen hat und das ei­nem so gut ge­fal­len hat, dass man es im­mer wie­der aus dem Re­gal zieht, um ei­nen Lieb­lings­satz noch ein­mal zu le­sen oder ein­fach über die Sei­ten zu strei­chen.

Kommentar hinterlassen

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*