Der verborgene Sinn des Lebens

Elke Hei­den­reich er­zählt in ih­rer Ge­schich­te „Eri­ka oder Der ver­bor­ge­ne Sinn des Le­bens“ da­von, wie ein gro­ßes Plüschtier-Schwein dem Le­ben wie­der ei­nen Sinn gibt. Eri­ka ist weich und rosa und gibt je­dem, der sie sieht ein Ge­fühl von Ge­bor­gen­heit. Auch der Prot­ago­nis­tin, die sie in ei­nem Kauf­haus fin­det und sich schlag­ar­tig in sie ver­liebt…

Eli­sa­beth hat kein gu­tes Jahr ge­habt, hat ge­ar­bei­tet wie eine Ver­rück­te und sich nur not­dürf­tig er­nährt und Al­ko­hol ge­trun­ken. Kurz vor Weih­nach­ten fühlt sie sich schließ­lich leer und aus­ge­brannt. „Ich glau­be, ich bin tot“, sagt sie am Te­le­fon zu Franz, ih­rem Ex-Freund. Franz will ihr hel­fen. Aber Eli­sa­beth weiß nicht ein­mal, ob ihr noch zu hel­fen ist. Al­les er­scheint sinn­los, kalt und leer. Nach dem Te­le­fo­nat be­schließt sie, Franz zu be­su­chen, auch wenn sie sich nicht si­cher ist, ob das eine gute Idee ist. Aber sie will fort ge­hen, dem Le­ben, das sie lebt, ent­flie­hen.

Auf dem Weg zum Flug­ha­fen geht Eli­sa­beth noch ins Ka­DeWe, um für Franz el­säs­si­schen Senf zu kau­fen. Da­bei muss sie an Krieg und Un­ge­rech­tig­kei­ten den­ken:

„…und die gan­ze Per­ver­si­tät des Wes­tens, die gan­ze un­er­träg­li­che An­ge­be­rei die­ser auf­ge­bläh­ten, ma­ro­den, ver­lo­ge­nen Stadt Ber­lin fließt für mich zu­sam­men in der Un­glaub­lich­keit die­ser Senfab­tei­lung – die Welt steht in Flam­men, es ist Krieg, Men­schen ver­hun­gern und schlach­ten sich ab, Mil­lio­nen­sind auf der Flucht und ha­ben kein Zu­hau­se, Kin­der ster­ben auf den Stra­ßen, und Ber­lin wählt un­ter hun­dert Sor­ten Senf, denn nichts ist schlim­mer als der fal­sche Senf auf dem ge­pfleg­ten Abend­brot­tisch.“ (S. 13, Sans­sounci, 2002)

Eli­sa­beth hät­te sich auch noch wei­ter auf­ge­regt, hät­te sie nicht das Plüschtier-Schwein ge­se­hen: Eri­ka. Sie weiß nicht, war­um, aber „Eri­ka“ ist der ers­te Name, der ihr ein­fällt. Ein aus­ge­wach­se­nes Schwein, hell­ro­sa Plüsch­fell, him­mel­blaue Glas­au­gen! Eri­ka blickt Eli­sa­beth so ver­trau­ens­wür­dig, gut­mü­tig an, dass sie nicht an­ders kann, als das Plüsch­tier zu kau­fen. Da­nach ist nichts mehr wie es ein­mal war.

Auf der Stra­ße rich­ten sich alle Bli­cke auf Eri­ka, im Flug­zeug wol­len alle das wei­che Plüsch­fell be­rüh­ren. Eri­ka… wenn man sie sieht, möch­te man sie am liebs­ten um­ar­men, an­fas­sen, strei­cheln, mit­neh­men. Im­mer mehr ent­wi­ckelt Eli­sa­beth so et­was wie eine Be­zie­hung zu dem Plüsch­tier. Sie küm­mert sich um Eri­ka, be­schützt sie vor an­de­ren Men­schen und lässt nicht zu, dass man sie un­ge­recht be­han­delt. Franz soll das Plüsch­tier auch nicht be­kom­men, das hat er gar nicht ver­dient! Und plötz­lich be­greift Eli­sa­beth, dass sie ihn gar nicht se­hen will. Die kom­pli­zier­te Be­zie­hung, die Ver­gan­gen­heit soll gar nicht erst wie­der auf­kom­men. Sie be­schließt ein­fach wei­ter­zu­fah­ren und ahnt nicht, dass die­se Ent­schei­dung ihr Le­ben ver­än­dert wird.

„Eri­ka oder Der ver­bor­ge­ne Sinn des Le­bens“ ist eine kur­ze Ge­schich­te, eine klei­ne Rei­se auf der Su­che nach dem Glück, dem Sinn des Le­bens. Wer hät­te ge­dacht, dass ein Plüsch­tier al­les ver­än­dern kann? Dass ein rosa Schwein dir zei­gen kann, wie wert­voll das Le­ben ist und dass es sich lohnt, sich auch über Klei­nig­kei­ten zu freu­en. Eri­ka weckt die Le­bens­freu­de, nicht nur bei Eli­sa­beth, son­dern auch beim Le­ser. Und wenn man die schö­nen, lie­be­vol­len Il­lus­tra­tio­nen von Mi­cha­el Sowa be­trach­tet, ver­steht man, war­um Eli­sa­beth das gro­ße Plüschtier-Schwein so leicht ins Herz schlie­ßen konn­te. Ein sehr emp­feh­lens­wer­tes Buch!

Zei­chen­set­ze­rin Ale­xa

Über Zeichensetzerin Alexa 84 Artikel
Zeichensetzerin Alexa ist - in Begleitung des Buchfinken - an verschiedenen Orten der Bücherstadt anzutreffen. Außerhalb dieser arbeitet sie als Erzieherin in einem Bremer Elternverein, studiert Germanistik und Kunst-Medien-Ästhetische Bildung und gestaltet ihr Projekt Zeichenblicke.

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