Der Fall Fabian – Ein Meerschweinchen-Mord? (Teil I)

(Das kommt da­bei her­aus, wenn ich zu viel CSI sehe.)

Es gab nichts Er­fri­schen­de­res am Mor­gen als gleich mon­tags zur Ar­beit zu kom­men und ei­nen Tat­ort vor­zu­fin­den. Be­son­ders, wenn man spät dran war – und De­tec­tive Mar­ley war spät dran an die­sem Mor­gen. Ihre Mit­fahr­ge­le­gen­heit hat­te ver­schla­fen und war nach­her gleich noch­mal über ih­rem Kaf­fee ein­ge­schla­fen. Mar­ley hat­te sich schon Sor­gen ge­macht, ob sie nicht an ih­rer Ar­beits­stel­le wür­de an­ru­fen müs­sen, um ei­nen frei­en Tag an­zu­mel­den. Ihr Herz mach­te noch im­mer ei­nen auf­ge­reg­ten Sprung, wenn sie dar­an dach­te, dass sie den An­ruf hät­te tä­ti­gen müs­sen. Doch am Ende war sie doch noch un­ver­sehrt an­ge­kom­men, und wur­de gleich von Finn, ih­rer rech­ten Hand, auf­ge­regt be­grüßt. „De­tec­tive Mar­ley!“ Finn keuch­te als hät­te er ei­nen Ma­ra­thon­lauf hin­ter sich und wipp­te auf­ge­regt auf den Fuß­bal­len vor Mar­ley auf und ab. „End­lich bist du da!“

Finn war ei­ner der jün­ge­ren Mit­glie­der des De­part­ment, und er hat­te wohl ei­nen auf­re­gen­den Sonn­tag hin­ter sich, sah man sich sei­nen blon­den, ver­wu­schel­ten Schopf an, durch den kaum ein­mal ein Kamm drin­gen konn­te. Er sprang förm­lich vor Auf­re­gung auf der Stel­le, wäh­rend er ver­kün­de­te: „Wir ha­ben ei­nen Tat­ort!“ Und da­mit hat­te er auch schon eine hal­be Dre­hung ab­sol­viert und flitz­te zu­rück in den Haupt­raum. Er war stets vol­ler En­er­gie, be­son­ders wenn es um ei­nen Tat­ort ging – nor­ma­ler­wei­se stand das ge­sam­te De­part­ment un­ter Strom, doch be­son­ders Finns En­er­gie und Lei­den­schaft für den Be­ruf war im­mer wie­der fas­zi­nie­rend.
Manch­mal sorg­te sich Mar­ley auch dar­um. Manch­mal frag­te sie sich, wie Finn wohl bei ei­nem rich­ti­gen Fall re­agie­ren wür­de. Finn war … manch­mal ein we­nig emp­find­lich. Mar­ley wech­sel­te Schu­he und streif­te sich den Kit­tel über, der zur Ar­beits­klei­dung ge­hör­te, und horch­te. Hat­ten sie ei­nen neu­en Fall, war der Haupt­raum nor­ma­ler­wei­se er­füllt von ge­schäf­ti­gem Sum­men und Brum­men, von dem im­mer­wäh­ren­den Chit-Chat der Ab­tei­lung, die die wil­des­ten Theo­ri­en wälz­te, ge­hör­ten sie nicht zum in­ners­ten Kreis der Er­mitt­lun­gen.

Heu­te je­doch war es un­ge­wöhn­lich still. Mar­ley run­zel­te die Stirn, folg­te ih­rer in­of­fi­zi­el­len rech­ten Hand dann end­lich in den Haupt­raum. Sie hat­te vie­les er­war­tet – nach drau­ßen ge­lei­tet zu wer­den, ir­gend­wo­hin in eine Wie­se etwa, oder zum Spiel­platz, wo sich die Op­fer schein­bar öf­ters zum Kaf­fee­kränz­chen tra­fen. Ihre Tat­or­te spiel­ten sich meist im Gar­ten, in frei­er Na­tur, ab. Kaum hat­te Finn sie ent­deckt, kam er aber­mals auf sie zu und pack­te sie am Hand­ge­lenk, ei­nen selt­sam erns­ten Aus­druck auf sei­nem Ge­sicht. Mar­ley stopp­te in­stink­tiv, wo ihr Schritt sie ge­ra­de noch in Rich­tung der Kü­che ge­lei­tet hat­te, und ver­wirrt run­zel­te sie die Stirn. „Du soll­test bes­ser nicht hin­ein­ge­hen“, er­klär­te Finn ernst und stell­te sich ihr in den Weg. Mar­ley war be­kannt da­für, dass sie nur un­gern an­de­ren folg­te. Doch un­ter Finns fes­tem Blick wur­de ihr mul­mig zu­mu­te, auch wenn sie es nicht zu­las­sen woll­te – wer woll­te dies auch?
Sie run­zel­te kon­zen­triert die Stirn, mus­ter­te Finn ver­wirrt. „Aber das Team-?“, er­wi­der­te sie lang­sam und woll­te sich los­ma­chen, doch Finns Griff war ei­sern. Er kann­te sie be­reits zu gut, stell­te Mar­ley fest. Er blick­te sie wei­ter­hin fest an. „Wir ha­ben ei­nen Tat­ort“, er­klär­te er er­neut. Mar­ley ver­zog ih­ren Mund. „Das hab’ ich mit­be­kom­men“, er­wi­der­te sie an­ge­spannt, wuss­te nicht, wie sie mit der Si­tua­ti­on um­ge­hen soll­te. Ihr kam kurz in den Sinn, ob er kurz­zei­tig sein Ge­dächt­nis ver­lo­ren hat­te oder ob sie ge­ra­de bloß et­was nicht be­griff, was wohl of­fen­sicht­lich sein muss­te. Finn nick­te noch­mals zur Be­kräf­ti­gung und führ­te sie am Hand­ge­lenk zum Ein­gang der Kü­che.
„Er ist hier.“

Der klei­ne Raum, in dem das fünf­köp­fi­ge Team ge­ra­de so Platz fand, war im Cha­os un­ter­ge­gan­gen. Die Schrän­ke, wel­che nor­ma­ler­wei­se mit über­mä­ßig viel Ge­schirr ge­füllt wa­ren, je­doch nie­mals mit Es­sen, weil nie­mand sich um Ein­käu­fe küm­mer­te, stan­den weit of­fen. Das Plas­tik­ge­schirr lag auf An­rich­te und dem Bo­den ver­teilt, be­deck­ten auch die Plat­ten des Spiel­her­des. De­tec­tive Mar­ley schwank­te ei­nen Mo­ment lang zwi­schen pu­rem Ent­set­zen und Är­ger, ehe sie sich für letz­te­res ent­schied und en­er­gisch die Hän­de in die Hüf­ten stemm­te. „War­um ist hier nicht ab­ge­sperrt?“, wand­te sie sich in schar­fem Ton­fall an Finn, wel­cher ne­ben ihr stand und das Klemm­brett, wel­ches er bei je­der Er­mitt­lung mit sich her­um­trug, voll­schrieb. Wo­her auch im­mer er es ge­ra­de ge­zo­gen hat­te – vor­hin hat­te es noch auf dem klei­nen Tisch im Auf­ent­halts­raum ge­le­gen.
Jun­ge, Finn war schnell. Nun je­doch er­starr­te er mit­ten in der Be­we­gung und be­trach­te­te den Tat­ort, als wür­de er ihn zum ers­ten Mal rich­tig be­gut­ach­ten, als löse sich der Ne­bel der Be­fan­gen­heit um ihn her­um. „Oh“, er mach­te ein Ge­räusch, sein Mund form­te da­bei ein per­fek­tes O. Mar­ley woll­te sich die Hand ge­gen die Stirn klat­schen, doch be­ließ es da­bei. Es hieß viel mehr, mög­lichst schnell die Er­mitt­lung zu be­gin­nen.

Jes­si­ca kam her­bei­ge­eilt, das rote Seil in den Hän­den, wel­ches sie für die Ab­sper­run­gen be­nutz­ten. „‘Tschul­di­ge, Mar­ley!“, mein­te sie has­tig und lä­chel­te ver­le­gen, „Ich hab’s in all der Auf­re­gung to­tal ver­ges­sen!“ Mar­ley blin­zel­te und konn­te nicht an­ders, als Jes­si­cas brei­tes, son­ni­ges Lä­cheln zu er­wi­dern. „Schon okay“, er­wi­der­te sie und be­ob­ach­te­te, wie die Blon­di­ne in dem ro­sa­ro­ten Kleid und den wei­ßen Strumpf­ho­sen den Ein­gang zum Kü­chen­be­reich ab­sperr­te.

Finn tipp­te ihr auf die Schul­ter, um ihre Auf­merk­sam­keit auf sich zu zie­hen. „Du, Mar­ley“, er blick­te sie mit tief­trau­ri­gen Au­gen an, und Mar­ley wuss­te, et­was konn­te nicht stim­men – das un­ge­wöhn­li­che Schwei­gen im ge­sam­ten Raum hät­te ihr ei­gent­lich Hin­weis ge­nug sein sol­len. „Was ist?“, er­kun­dig­te sie sich mit äu­ßerst, äu­ßerst mul­mi­gem Ge­fühl bei ih­rer rech­ten Hand, wel­cher sein Klemm­brett um­klam­mer­te als wäre es eine die­ser Schaum­stoff­s­tan­gen im Schwimm­bad. Er konn­te noch nicht schwim­men. „Wir ha­ben auch ein Op­fer“, in­for­mier­te er und nick­te in Rich­tung Kü­che.
„Wen?“, er­kun­dig­te sich Mar­ley be­sorgt, und Jes­si­ca zog mit wäss­ri­gen Au­gen die Nase hoch. Sie hat­te die Un­ter­lip­pe vor­ge­scho­ben und gleich wür­de Anna, ih­rer al­ler Vor­ge­setz­te kom­men müs­sen, um sie zu trös­ten. „Fa­bi­an“, kam es aus Finns Mund, und Mar­ley blin­zel­te an­ge­strengt.
Das Meer­schwein­chen der Grup­pe war tot? Das konn­te nicht sein!

(Und hier kommt das Rät­sel: Dies ist kein rich­ti­ger Tat­ort. Aber wo be­fin­den wir uns dann? Er­fahrt des Rät­sels Lö­sung am 8.09.17 im bü­cher­städ­ti­schen Krea­tiv­la­bor!)

Wort­klau­be­rin Eri­ka
Il­lus­tra­ti­on: Buch­stap­le­rin Mai­ke

Wortklauberin Erika
Über Wortklauberin Erika 16 Artikel

Wortklauberin Erika schaltet und waltet in der Bücherstadt vom beschaulichen Wien aus. Sie studiert im Master Vergleichende Literaturwissenschaft mit einem Schwerpunkt auf Psychoanalyse, Metafiktion und Kulturtransfer und ist in der Schreibdidaktik tätig.

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