Das Lichtspiel

Mut­ter schenk­te mir die­ses Licht­spiel, be­vor sie starb. Sie mein­te, es wäre mal Teil ei­nes grö­ße­ren Mo­bi­les ge­we­sen, wel­ches über mei­nem Bett ge­han­gen hat­te, als ich noch ein Baby war. Ich kann mich kaum noch dar­an er­in­nern; höchs­tens an die Licht­schim­mer, wel­che an mei­nen Au­gen vor­bei­ge­zuckt sind.
Es hing wohl auch über ih­rem Kin­der­bett, hat­te sie wei­ter­erzählt, und ihre Mut­ter, mei­ne Oma, hät­te ihr wohl er­öff­net, dass sie es von ei­ner Fee ge­schenkt be­kom­men hät­te.
Alte Le­gen­den aus der al­ten Hei­mat. Ich habe da­mals dar­über ge­lacht. Auch mei­ne Mut­ter hat mei­ner Oma nicht ge­glaubt, doch ihre letz­ten Wor­te wa­ren, dass sie es ger­ne ge­tan hät­te. Nun, in den letz­ten Jah­ren kann ich ih­ren Wunsch nach­emp­fin­den.
Wäh­rend ich das Licht­spiel so be­trach­te, fällt mir auf, dass es nichts von sei­nem Schim­mer ein­ge­büßt hat. Noch im­mer sam­melt sich das Licht im In­ne­ren und ver­teilt es dann re­gen­bo­gen­ar­tig auf sei­ne Um­ge­bung. Trotz des gan­zen Schmut­zes und den ge­fühlt hun­dert Stür­zen, die es un­heim­li­cher­wei­se ohne jeg­li­che Schä­den über­stan­den hat, glänzt es als wäre es ge­ra­de neu her­ge­stellt wor­den.
Fast hyp­no­tisch fes­selt es mei­nen Blick, wäh­rend ich es an der dün­nen Schnur hin und her dre­he. Um mich her­um ver­ge­hen viel­leicht ge­ra­de nur Mi­nu­ten, doch es kommt mir vor wie Stun­den, wäh­rend mei­ne Au­gen im­mer noch fest auf das In­ne­re des Licht­spiels ge­hef­tet sind. Bei­nah ist mir so, als wür­de sich dar­in et­was be­we­gen, als wür­de das Licht wa­bern und sich win­den wie bei ei­ner Wan­de­rung durch die neb­li­gen Hü­gel der al­ten Hei­mat.
In mei­nem Kopf er­klingt ein La­chen. Es ist das La­chen mei­ner Mut­ter, wenn sie mich beim Spie­len be­ob­ach­tet hat. Ich kann mich noch ge­nau dar­an er­in­nern, wie sie auf der Bank des Spiel­plat­zes ge­ses­sen hat und ich ihr zu­rief, sie sol­le doch bit­te her­schau­en. Meist führ­te ich ihr dann ei­nen Rad­schlag oder eine an­de­re akro­ba­ti­sche Höchst­leis­tung – zu­min­dest in den Au­gen ei­nes Kin­des – vor, was sie mit ei­nem La­chen oder Klat­schen wert­schätz­te.
Wäh­rend ich wei­ter in das wa­bern­de Licht star­re, kom­men wei­te­re Er­in­ne­run­gen an da­mals zu­rück. An die lan­gen Spa­zier­gän­ge durch den gro­ßen Wald, wo den Le­gen­den nach Feen und Trol­le le­ben soll­ten. Ganz auf­ge­regt rann­te ich durch den Wald und such­te in Baum­lö­chern nach Ko­bold­bau­ten oder un­ter dem Laub nach Fe­en­krei­sen. Ich fand na­tür­lich nichts, Spaß ge­macht hat es mir trotz­dem.
Et­was reißt mich aus mei­nen Er­in­ne­run­gen her­aus. Je­mand hat mich an der Schul­ter ge­packt und schüt­telt mich. Dumpf höre ich eine Män­ner­stim­me auf mich ein­re­den und nur lang­sam – zu lang­sam – kehrt mein Geist zu­rück in die Ge­gen­wart.
Der Mann wirkt wü­tend und doch klingt sei­ne Stim­me eher be­sorgt und hek­tisch. Er sagt et­was von Flug­zeu­gen und ei­ner Si­re­ne, doch ich bin ge­dank­lich noch zu weit weg, als dass die­se Wor­te für mich ei­nen Sinn er­ge­ben könn­ten. Er lässt mei­ne Schul­ter los und rennt weg.
Als ich wie­der voll­kom­men bei mir bin, über­fällt mich das oh­ren­be­täu­ben­de Dröh­nen der Si­re­ne wie ein Schlag in die Ma­gen­gru­be. Eine Se­kun­de setzt mein Herz aus und ich sprin­ge auf. Ohne wei­ter nach­zu­den­ken pa­cke ich mei­nen Ruck­sack und sprin­te los, den an­de­ren Men­schen fol­gend, die pa­nisch in Rich­tung Luft­schutz­bun­ker ei­len.
Frü­her glaub­te ich, dass Feen, Ko­bol­de und Trol­le nur Phan­tas­men und Mär­chen­ge­stall­ten wä­ren, heut­zu­ta­ge sind sie mir rea­ler und nä­her als die Re­den im Ra­dio, wel­che über den bal­di­gen Sieg und das Ende des Krie­ges be­rich­ten. Jetzt kom­men mir eher die­se Wor­te wie Mär­chen vor.

Der Jun­ge fegt den Dreck und die Stei­ne bei­sei­te, um an das klei­ne, glän­zen­de Ding zu kom­men, wel­ches durch die Son­ne an­ge­strahlt wird. Es sticht ihm di­rekt ins Auge, als wol­le es von ihm ge­fun­den wer­den.
Als er das Licht­spiel in die Son­ne hebt und es be­trach­tet, ist er wie ge­fes­selt von dem wa­bern­den Licht, wel­ches sich in der Glas­ku­gel hin und her win­det. Ver­träumt er­in­nert der Jun­ge sich an die Zeit, als al­les noch gut war. Zwar ist er zu jung, um die Zeit vor dem Krieg er­lebt zu ha­ben, aber den­noch sind die Er­in­ne­run­gen so klar als wä­ren es sei­ne ei­ge­nen.

Ge­schich­ten­er­zäh­ler Adri­an
Ein Bei­trag zum Pro­jekt 100 Bil­der – 100 Ge­schich­ten – Bild Nr. 23.

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