Bipolare Erzählung beim Deutschen Buchpreis

Im Grun­de hat Tho­mas Mel­les „Die Welt im Rü­cken“ beim Deut­schen Buch­preis gar nichts ver­lo­ren. Als au­to­bio­gra­phi­sches Werk er­füllt es nicht die Vor­aus­set­zung, ein Ro­man zu sein. Doch liest sich Mel­les Er­zäh­lung der­art span­nend, tief­grün­dig und emo­tio­nal auf­wüh­lend, dass die Ent­schei­dung, „Die Welt im Rü­cken“ auf die kürz­lich ver­öf­fent­lich­te Short­list zu set­zen, ab­so­lut nach­voll­zieh­bar ist. Er­zähl­de­tek­ti­vin An­net­te durf­te den manisch-depressiven Au­to­ren in eine Welt vol­ler Wi­der­sprü­che und Tra­gik be­glei­ten und mit­er­le­ben, wie er sich vom ei­ge­nen Schick­sal be­freit.

„Ich muss mir mei­ne Ge­schich­te zu­rück­er­obern, muss die Ur­sa­chen, wenn sie schon nicht ab­bild­bar sind, wenn sie sich in den Kon­struk­ti­ons­zeich­nun­gen nicht fin­den, durch ex­ak­te Be­schrei­bun­gen der Un­fäl­le emer­gie­ren las­sen.“

Herr der ei­ge­nen Ge­schich­te sein, Ein­fluss auf Schick­sal und das ei­ge­ne Le­ben neh­men – wer von uns hegt kei­ne der­ar­ti­gen Wün­sche? Bei de­ren Er­fül­lung mö­gen sich dem ei­nen oder an­de­ren Stei­ne in den Weg le­gen oder Schwie­rig­kei­ten stel­len. Doch al­les in al­lem kön­nen wir ganz gut be­stim­men, was wir aus un­se­rem Le­ben ma­chen wol­len. Bei Tho­mas Mel­le sieht dies an­ders aus. Als jun­ger Er­wach­se­ner er­krank­te er an der manisch-depressiven Stö­rung, auch Bi­po­la­ri­tät ge­nannt, die sein Le­ben seit­her von in­nen nach au­ßen ge­stülpt hat. Was er in den ma­ni­schen Pha­sen tat, schrieb und sag­te be­stimmt noch heu­te sein Selbst- und Fremd­bild. In „Die Welt im Rü­cken“ möch­te er nun sei­ne Sicht der Din­ge dar­stel­len. Der Ver­such ei­nes Be­frei­ungs­schla­ges – aus der Krank­heit und ih­ren Fol­gen.

Und die­se Krank­heit hat es in sich. Mel­le be­schreibt den Zu­stand ei­nes der­art um­fas­sen­den Selbst­ver­lus­tes, dass es schon wäh­rend des Le­sens kaum aus­zu­hal­ten ist. Die ers­te ma­ni­sche Pha­se er­eil­te ihn 1999 – 2006 und 2010 soll­ten wei­te­re fol­gen. Wäh­rend die ers­te Psy­cho­se den Kran­ken auf ei­ner Woge aus En­er­gie und Glück­se­lig­keit glei­ten lässt, er­le­ben Freun­de und Fa­mi­lie den plötz­li­chen Sin­nes­wan­del als Tra­gö­die. Und auch für die er­krank­te Per­son ver­dreht sich die ei­ge­ne Wahr­neh­mung und wird sehr bald zu ei­nem ang­st­ein­flö­ßen­den, un­be­greif­li­chen Wahn.

U1_978-3-87134-170-0.indd„Ein Fremd­kör­per im Fremd­kör­per der Welt“

Die Wahn­vor­stel­lun­gen äu­ßern sich in ir­ra­tio­na­lem, lau­tem, ef­fekt­ha­sche­ri­schem, nar­ziss­ti­schem Ver­hal­ten. Und nicht nur der Kran­ke hat das Ge­fühl, von al­lem und je­dem ge­trennt zu sein. Die Ir­ri­ta­tio­nen bei sei­nen Mit­men­schen hal­len noch lan­ge nach. Auch Jah­re nach dem Ab­klin­gen der letz­ten ma­ni­schen Pha­se be­geg­net Mel­le kaum ein neu­er Mensch un­vor­ein­ge­nom­men. Zu sehr eilt ihm ein „Ruf“ vor­aus. Die Krank­heit ver­gif­tet Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft, in der wahn­haf­ten Ge­gen­wart en­det sie nicht sel­ten töd­lich.

Die Be­schrei­bung der ma­ni­schen Pha­sen ist das Kern­stück des Bu­ches. Mel­le spricht von ei­nem „Ge­fühls­über­schuss“, mit dem al­les an­fan­ge – und ver­deut­licht im wei­te­ren Ver­lauf mit sehr ge­lun­ge­ner Wort­wahl und Gram­ma­tik wie sich die­ser Über­schuss für den Be­trof­fe­nen an­fühlt. Wer nicht selbst eine ma­ni­sche Pha­se am ei­ge­nen Leib und Geist zu spü­ren be­kom­men hat, der wird mit Mel­les Er­zäh­lung so nah an die­ses Er­leb­nis ge­lan­gen, wie mög­lich. Und das ist be­reits fast zu nah. Denn die Wucht, mit der die En­er­gie, die An­span­nung, der Wahn über den Be­trof­fe­nen her­ein­bre­chen, fängt der Au­tor gran­di­os ein: Die gleich­zei­ti­ge Sinn­lo­sig­keit und die Erup­ti­on ei­nes neu­en Sinns, der völ­lig auf das wahn­haf­te In­di­vi­du­um ge­münzt ist. Sät­ze sprin­gen un­kon­trol­liert durch sei­nen Kopf, Wer­be­slo­gans, Song­text­zei­len, die sich zu ei­nem wahn­haf­ten Ge­dan­ken­ge­bäu­de ver­bin­den. Er wird zum Mit­tel­punkt der Welt und ent­fernt sich gleich­zei­tig im­mer wei­ter von die­ser. Eine spä­te­re Ma­nie wird Mel­le mit den Wor­ten be­schrei­ben: „Da war auch kei­ne Sam­mel­stel­le na­mens Ich mehr. Da wa­ren nur noch Qua­lia, Sin­nes­ein­drü­cke, um ei­nen tie­ri­schen In­stinkt her­um, und Gott.“

Die 1999 aus­ge­bro­che­ne Ma­nie ist es, die Mel­le erst­mals in die Psych­ia­trie bringt. Die Län­ge ei­ner der­ar­ti­gen Pha­se ist von Pa­ti­ent zu Pa­ti­ent un­ter­schied­lich, kann ei­ni­ge Stun­den, Tage, Wo­chen oder Mo­na­te dau­ern. In Mel­les Fall dau­ert sie über ein Jahr. Der Psychiatrie-Aufenthalt wird nicht sein letz­ter sein und doch scheint er eine be­son­ders trau­ma­ti­sche Wir­kung ge­habt zu ha­ben. Und in der Tat stellt sich die Fra­ge, wie ein Kran­ker in die­sem „Sam­mel­su­ri­um von Fehlex­em­pla­ren“, wie Mel­le sei­ne Mit­pa­ti­en­ten nennt, ge­sun­den soll. Wie soll er zur Ruhe kom­men, wenn er stän­dig von Krank­heit, Ge­walt, Wut, Angst, Hass und Wahn um­ge­ben ist? „Mit ei­nem Schlag be­tritt man das Reich des Wahns, sei­ne Ge­rü­che, Ge­sich­te, Ge­sich­ter und Phä­no­ty­pen.“

Auf den Hö­hen­flug folgt der Ab­sturz

Wenn spä­ter auf die ma­ni­sche die de­pres­si­ve Epi­so­de folgt, wird Mel­le den Zu­stand der Psych­ia­trie als noch furcht­ba­rer emp­fin­den. Vor al­lem je­doch geht ihm nach der Über­an­stren­gung der Ma­nie nun völ­lig die Luft aus. Die De­pres­si­on bringt die ge­sam­te Gefühls- und Ge­dan­ken­welt des Er­krank­ten un­ter Kon­trol­le und es brei­tet sich eine Lee­re aus, die kei­nen Raum für ir­gend­wie ge­ar­te­te Ge­füh­le lässt. Ein­drück­lich und in­tim schil­dert Mel­le den un­ge­heu­ren Drang, das ei­ge­ne Le­ben zu be­en­den, der stünd­lich schlim­mer wird und sich je­des Ge­dan­kens be­mäch­tigt. Wie schwer es ihm ge­fal­len sein muss, ent­spre­chen­de Ver­su­che zu be­schrei­ben, lässt sich kaum er­ah­nen.

„Je­der Mensch birgt wohl ei­nen Ab­grund in sich, in wel­chen er bis­wei­len ei­nen Blick ge­währt; eine Ma­nie aber ist eine gan­ze Tour durch die­sen Ab­grund, und was Sie jah­re­lang von sich wuss­ten, wird in­ner­halb kür­zes­ter Zeit un­gül­tig. Und da­nach fan­gen Sie nicht bei null an, nein, Sie rut­schen ins tiefs­te Mi­nus, und nichts mehr ist mit Ih­nen auf ver­läss­li­che Wei­se ver­bun­den.“

Be­son­ders ein­drück­lich ist da­bei die Be­schrei­bung der drei­ge­teil­ten Per­sön­lich­keit des Manisch-Depressiven. Nach den Ta­ten des Ma­ni­kers ge­sellt sich zu der oh­ne­hin al­les er­fas­sen­den Trau­er ein stünd­lich schlim­mer wer­den­des Ge­fühl von Scham; je mehr Er­in­ne­run­gen hoch­kom­men, des­to wei­ter zieht es ei­nen hin­ab. Ein­sich­ten in die Ge­dan­ken­gän­ge des Ma­ni­kers sind nicht mehr vor­han­den und der De­pres­si­ve geht an dem hin­ter­las­se­nen Scher­ben­hau­fen zu­grun­de. Wer das Glück hat und auch die­se dunk­le Pha­se hin­ter sich las­sen kann, der wird auch die hier herr­schen­de Trau­er und Lee­re nicht mehr ver­ste­hen kön­nen.

Was bleibt, ist eine Grund­zer­stört­heit

Auch nach der ver­meint­li­chen Ge­sun­dung wird Mel­le die Krank­heit nicht mehr los. Nicht nur ist das ei­ge­ne Fun­da­ment ver­lo­ren, mög­li­cher­wei­se für im­mer. Dar­über hin­aus ist die Bi­po­la­ri­tät eine re­zi­di­vie­ren­de Krank­heit. Zwar tritt sie nur schub­wei­se auf, das heißt, dass es durch­aus be­schwer­de­freie Pha­sen ge­ben kann. Doch be­steht die Ge­fahr, in eine de­pres­si­ve oder ma­ni­sche Pha­se zu­rück­zu­fal­len, ein Le­ben lang, was eine me­di­ka­men­tö­se The­ra­pie für den Rest des Le­bens not­wen­dig macht. Den­noch setzt Mel­le die Ta­blet­ten zu­nächst nach ei­ni­ger Zeit wie­der ab, denn er glaubt an ein an­ge­schla­ge­nes, aber von jetzt an doch krank­heits­frei­es Le­ben. Die fol­gen­den ma­ni­schen Epi­so­den wer­den ihn noch nä­her an den Ab­grund brin­gen.

Von der letz­ten Ma­nie 2010 er­holt er sich nicht mehr ganz, be­hält eine „Grund­zer­stört­heit“ zu­rück. Sein Le­ben sei von ei­ner Tris­tesse durch­zo­gen, die zwi­schen un­durch­dring­li­chem Schwarz und leich­tem Grau­fil­ter chan­giert, je­doch nie­mals ver­schwin­det. Der Ein­fluss auf sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Ar­beit ist ex­trem: Auf der ei­nen Sei­te hat ihn die Krank­heit Din­ge er­le­ben las­sen, die er im ge­sun­den Zu­stand nie­mals er­fah­ren hät­te. Auf der an­de­ren Sei­te dämp­fen die Me­di­ka­men­te Wahr­neh­mung und Wort­fin­dung und las­sen ihn auch beim Schrei­ben mög­li­che Ge­fühls­wal­lun­gen un­ter­drü­cken. Den­noch er­mög­li­chen ihm eben die­se Me­di­ka­men­te ein Stück Nor­ma­li­tät, auf die er an­dern­falls kei­ne Chan­ce hät­te.

Letzt­end­lich kommt Mel­le zu kei­nem sehr po­si­ti­ven Schluss: „Die bi­po­la­re Stö­rung hat sich zwi­schen mich und al­les ge­stellt, was ich sein woll­te. Sie hat das Le­ben ver­un­mög­licht, das ich le­ben woll­te, selbst wenn ich von die­sem kaum ei­nen Be­griff hat­te.“ Tref­fen­der wäre je­doch zu sa­gen: Die Ver­an­la­gung zur Krank­heit war schon im­mer da. Eine Grund-Vulnerabilität, eine Grund-Verletzlichkeit, zeich­ne­te den jun­gen Mel­le schon im­mer aus. Von klein auf hat er das Ge­fühl, nicht in die Welt zu pas­sen, an­ders zu sein als alle an­de­ren, „stän­dig ei­nen Ab­stand zwi­schen der Welt und [sich selbst] über­win­den zu müs­sen“. Sich eu­pho­risch in Din­ge hin­ein­zu­stei­gern, die dann eben­so schnell wie­der fal­len ge­las­sen wer­den.logo_dbp16

Mehr als nur die Krank­heit

Mel­le setzt sich de­tail­liert und so ehr­lich, weil in­tim, wie mög­lich, mit der Krank­heit, ih­rem Ur­sprung und ih­ren Fol­gen aus­ein­an­der. Da­bei lässt er sich je­doch nicht rein über sei­ne Bi­po­la­ri­tät de­fi­nie­ren. Denn ob­wohl er mitt­ler­wei­le eine Ein­sicht in sein Krank­sein er­langt hat, ist für ihn nicht klar, was tat­säch­lich Krank­heit, was hin­ge­gen die ge­sell­schaft­li­che Zu­schrei­bung an­geb­lich ab­nor­ma­len Ver­hal­tens ist. Ist die Vul­nera­bi­li­tät mög­li­che Ur­sa­che, viel­leicht auch Sym­ptom oder ein­fach Teil sei­ner We­sens­art? Er be­rich­tet aus sei­ner dra­ma­ti­schen Kind­heit eben­so wie von der früh er­blü­hen­den Lie­be zur Li­te­ra­tur, die ihm über die­se Trau­ma­ta hin­weg­hilft. Der Buch­ti­tel be­zieht sich ei­ner­seits auf die­sen po­si­ti­ven As­pekt der gro­ßen Bi­blio­thek im Rü­cken sei­nes Ar­beits­ti­sches. An­de­rer­seits be­zieht sich der Ti­tel auch auf das manisch-wahnhafte Ge­fühl, „die gan­ze Welt (…), die gan­ze Ge­schich­te“ im Rü­cken zu ha­ben.

Her­vor­zu­he­ben ist noch der im­mense Wis­sens­schatz, über den Mel­le ver­fü­gen muss. Wäh­rend der Lek­tü­re ent­steht bei­na­he der Ein­druck, er habe sämt­li­che Li­te­ra­tur ge­le­sen und Mu­sik ge­hört, sämt­li­che Live-Konzerte und Thea­ter­stü­cke be­sucht und Fil­me ge­se­hen. Im­mer wie­der spickt er den Text mit ent­spre­chen­den An­spie­lun­gen und Zi­ta­ten, die ich selbst nur zu ei­nem Bruch­teil ver­stan­den oder er­kannt habe. Umso trau­ri­ger, dass er mitt­ler­wei­le kaum noch Be­geis­te­rung für die al­ten Lie­ben auf­brin­gen kann.

Wer Tho­mas Mel­les „Die Welt im Rü­cken“ le­sen möch­te, braucht star­ke Ner­ven. Le­ser soll­ten in sich ge­fes­tigt sein, zu leicht könn­ten die Be­schrei­bun­gen von Wahn und Leid der­ar­ti­ge Ge­füh­le und Ge­dan­ken trig­gern. Wer sich auf die Grenz­erfah­rung ei­nes Manisch-Depressiven ein­las­sen kann, wird be­lohnt mit ei­ner prä­zi­sen, cle­ver ein­ge­setz­ten Spra­che, ei­nem rei­chen Bou­quet pop­kul­tu­rel­ler und li­te­ra­ri­scher Re­fe­ren­zen und der sen­si­blen Be­schrei­bung ei­ner Per­son die so viel mehr ist, als nur eine mar­ker­schüt­tern­de Krank­heit.

Die Welt im Rü­cken. Tho­mas Mel­le. Ro­wohlt Ber­lin. 2016.

Tho­mas Mel­le kommt mit „Die Welt im Rü­cken“ auf Le­se­rei­se. Ter­mi­ne und wei­te­re In­fos fin­det ihr hier: www.rowohlt.de/autor/thomas-melle.html

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