Bäume im Rausch

Was ha­ben ent­wur­zel­te Bäu­me mit dem Schick­sal ei­nes Rent­ners und ei­ner Aus­rei­ße­rin zu tun? Und was ver­bin­det die zwei Men­schen? In Ada Do­ri­ans neu­em Ro­man „Be­trun­ke­ne Bäu­me“ hat Worte­we­be­rin An­ni­ka Ant­wor­ten auf die­se und an­de­re Fra­gen ge­fun­den.

Der Rent­ner Erich forscht an „be­trun­ke­nen Bäu­men“, seit er als jun­ger Mann eine lan­ge For­schungs­rei­se durch Si­bi­ri­en ge­macht hat. Durch den ab­tau­en­den Per­ma­frost­bo­den ge­ra­ten Bäu­me in Schief­la­ge und wach­sen des­we­gen krumm. Ei­gent­lich ganz ähn­lich wie Erich und Ka­thi, de­nen auch der Bo­den un­ter den Fü­ßen taut und sie ins Wan­ken bringt. Nicht mehr ge­braucht wer­den, Schmer­zen im Bein, nicht mehr se­hen, ob die Am­pel rot oder grün ist: Das ist neu­er­dings Erichs Le­ben. Er wird alt und je we­ni­ger man ihm zu­traut, des­to mehr ver­liert er die Kon­trol­le.
Die sieb­zehn­jäh­ri­ge Ka­tha­ri­na hin­ge­gen hat ein ganz an­de­res Pro­blem. Ihr Va­ter hat die Fa­mi­lie ver­las­sen, um in Russ­land Öl­pipe­lines zu ver­le­gen. Aus Trotz ist Ka­thi von zu Hau­se weg­ge­lau­fen, jetzt haust sie in ei­nem Zelt in der ent­kern­ten Woh­nung ne­ben Erich und geht nicht mehr zur Schu­le – wozu auch, wenn sie sich so­wie­so für nichts in­ter­es­siert?

Ein Plan

Nach ei­ner Be­geg­nung im Flur schmie­den die bei­den ei­nen Plan: An­statt der Pfle­ge­kraft, Frau Pe­tro­wa, wird von nun an Ka­tha­ri­na ein Auge auf Erich ha­ben, na­tür­lich, ohne dass Erichs Toch­ter da­von et­was er­fährt. Ka­thi be­kommt da­für drei­hun­dert Euro, von de­nen sie das Du­schen im Schwimm­bad und Es­sen be­zah­len kann. Au­ßer­dem kommt sie un­be­ab­sich­tigt in Be­rüh­rung mit Erichs For­schung an den be­trun­ke­nen Bäu­men und stellt fest, dass sie doch In­ter­es­sen hat. Doch das kann na­tür­lich nicht für im­mer gut ge­hen. Ir­gend­wann ent­deckt Erichs Toch­ter nicht nur die Bäu­me, die der Rent­ner in sei­nem Schlaf­zim­mer­bo­den ge­pflanzt hat, son­dern auch den Schwin­del mit Frau Pe­tro­wa. Prompt or­ga­ni­siert sie für Erich ei­nen Platz im Heim, aber dort will er auf kei­nen Fall hin.

Nicht in­no­va­tiv, aber über­zeu­gend

Ada Do­ri­an ver­knüpft auf span­nen­de Wei­se die Schick­sa­le der Fi­gu­ren ih­res Ro­mans, die von Erich und Ka­thi, aber auch Erichs Frau und Toch­ter und sein da­ma­li­ger For­schungs­be­glei­ter in Si­bi­ri­en kom­men zur Spra­che. Wäh­rend die Hand­lungs­strän­ge in der ers­ten Hälf­te noch un­ver­bun­den ne­ben­ein­an­der zu ste­hen schei­nen, ver­bin­den sie sich im wei­te­ren Ver­lauf des Ro­mans. Die Hand­lung spielt da­bei auf meh­re­ren Zeit­ebe­nen, die am Ende ein un­er­war­te­tes Bild er­ge­ben. Auch wenn die Fi­gu­ren und Si­tua­tio­nen teil­wei­se sehr skur­ril ge­ra­ten (wer pflanzt Bäu­me im Schlaf­zim­mer?), sind sie doch glaub­haft.
Ins­be­son­de­re Erich wird ge­ra­de durch die­se „Ma­cken“ zu ei­nem Men­schen aus Fleisch und Blut, wäh­rend Ka­tha­ri­na an ei­ni­gen Stel­len et­was leb­lo­ser bleibt und man­che ih­rer Pro­ble­me nur an­ge­kratzt wer­den. Er­zäh­le­risch ist „Be­trun­ke­ne Bäu­me“ nicht in­no­va­tiv, aber über­zeu­gend. Ada Do­ri­an ist mit „Be­trun­ke­ne Bäu­me“ ein un­ter­halt­sa­mer, be­rüh­ren­der Ro­man ge­lun­gen.

Be­trun­ke­ne Bäu­me. Ada Do­ri­an. Ull­stein fünf. 2017.

Worteweberin Annika
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Ich wäre ger­ne ein klei­nes Buch, das man ir­gend­wann mal ge­le­sen hat und das ei­nem so gut ge­fal­len hat, dass man es im­mer wie­der aus dem Re­gal zieht, um ei­nen Lieb­lings­satz noch ein­mal zu le­sen oder ein­fach über die Sei­ten zu strei­chen.

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