Adventskalender 2017: Türchen 23

Ein verirrtes Geschenk

Wild stob der Schnee aus­ein­an­der, als der Bär in der Schnee­ver­we­hung lan­de­te. Es war ein lan­ger Sturz ge­we­sen, schließ­lich soll­te nie­mand den Di­cken bei der Ar­beit er­wi­schen. Die El­fen hat­ten den Sack wohl wie­der et­was zu lo­cker zu­ge­schnürt, so­dass sich der Kno­ten ohne Pro­ble­me ge­löst hat­te.
Prus­tend schau­fel­te sich der Bär durch den Hau­fen aus frisch ge­fal­le­nem Schnee. Er hat­te wohl Glück ge­habt, dass er durch sei­ne wei­che Ge­samt­er­schei­nung kei­ne Schä­den von dem Sturz da­von ge­tra­gen hat­te. Ei­nes die­ser häss­li­chen Plas­tik­tei­le, die mit ihm in die­sem dunk­len Sack wa­ren, hät­te den Sturz nicht so un­be­scha­det über­stan­den wie er.
Kaum hat­te der Bär sich aus dem Schnee­hau­fen ge­wühlt, da wur­de er vom lau­ten Ge­räusch ei­nes Mo­tors auf­ge­schreckt. Dem Drang ein­fach zu­rück in die Schnee­we­he zu sprin­gen, wi­der­stand er, statt­des­sen schaff­te er es ge­ra­de noch, sich hin­ter die­ser zu ver­ste­cken.
Was wür­de ein Mensch wohl sa­gen, wenn er ei­nen Ted­dy­bä­ren ein­fach so auf der Stra­ße her­um­lau­fen sähe? Viel­leicht wür­de er ihn ein­fach nur für ein streu­nen­des Tier hal­ten, aber der Bär woll­te kein Ri­si­ko ein­ge­hen. Schließ­lich hat­te er ein Ziel und eine Auf­ga­be zu er­fül­len.
Kaum war das Auto vor­über­ge­zo­gen, sprang der Bär aus sei­nem Ver­steck, schau­te ein­mal nach rechts und nach links, dann über­quer­te er die Stra­ße. Nach­dem er sich in ei­nem Strauch ver­steckt hat­te, such­te er sei­nen kom­plet­ten Kör­per ab. Die El­fen hat­ten ihm ge­sagt, dass er sich, soll­te er ver­lo­ren ge­hen, ein­fach nur an dem Zet­tel ori­en­tie­ren müss­te. Schließ­lich wur­de er am Ende ei­ner Schnur fün­dig, wel­che an sei­ner lin­ken Schul­ter be­fes­tigt wor­den war. Mit ver­schnör­kel­ter Hand­schrift war dar­auf eine Adres­se ge­schrie­ben.
Nach­denk­lich über­flog der Bär ei­ni­ge Male die Buch­sta­ben und über­leg­te, wie er nun her­aus­fin­den soll­te, wo er war und wie er zu sei­nem Be­stim­mungs­ort kom­men soll­te. Ir­gend­wo muss­te es hier doch ei­nen Stadt­plan oder so et­was ge­ben.
Nach­dem ein wei­te­res Auto an sei­nem Ver­steck vor­bei­ge­rauscht war, husch­te der Bär hin­aus und schau­te sich erst ein­mal um. Eine hal­be Stun­de Teddybären-Fußmarsch ent­fernt konn­te er in der Fer­ne die Lich­ter und Häu­ser er­ken­nen. Gut, dach­te er, dass die Men­schen ihre Häu­ser um die Weih­nachts­zeit so hell schmü­cken.
Der Mond stand schon hoch am Him­mel, da er­reich­te der Bär die ers­ten ge­schmück­ten Häu­ser. Über­all hin­gen Lich­ter­ket­ten und Lam­pen in Form von Schnee­män­nern. Ne­ben ei­ner Tür stand eine Fi­gur, die dem Di­cken ziem­lich ähn­lich sah, ab­ge­se­hen von den Kla­mot­ten.
Ein Jahr lang hat­ten die El­fen ihm al­les über die Men­schen­welt er­zählt. Er muss­te sich schließ­lich dort zu­recht­fin­den und sei­ne Auf­ga­be er­fül­len kön­nen. Aber war­um die Men­schen ihre Häu­ser so grell schmück­ten, hat­te er nie ver­stan­den. All die Din­ge, die er ge­lernt hat­te, soll­ten den Zweck ha­ben, ein Men­schen­kind vor Mons­tern zu be­schüt­zen, hat­ten ihm die El­fen ge­sagt, nach­dem er ei­ni­ge Male nach­ge­fragt hat­te. Sie mein­ten, da müs­se er sol­che ba­na­len Sa­chen nicht ver­ste­hen.
Ein Stra­ßen­schild sag­te ihm, dass er sich in ei­ner Stra­ße na­mens Ro­sen­pfad be­fand. Noch ein­mal schau­te er auf das Schild und schüt­tel­te den Kopf, so­dass sei­ne Oh­ren hin und her schla­cker­ten.
Ei­ni­ge Me­ter wei­ter, er muss­te sich zwi­schen­zei­tig hin­ter ei­ner Stra­ßen­la­ter­ne ver­ste­cken, da ein wei­te­res Auto vor­bei­fuhr, er­reich­te der Bär eine Bus­hal­te­stel­le. Hier muss­te es doch eine Kar­te ge­ben.
Zu sei­nem Glück be­hielt der Bär Recht, denn an der Hal­te­stel­le hing wirk­lich eine Kar­te der Um­ge­bung und nicht nur das, es war auch ziem­lich ge­nau der Ort zu se­hen, an wel­chen er muss­te. Man könn­te es bei­na­he ein Weih­nachts­wun­der nen­nen, denn auch sei­ne Ziel­stra­ße, wel­che in ver­schnör­kel­ter Schrift auf dem Kärt­chen stand, lang nur noch we­ni­ge Me­ter ent­fernt.
Ohne noch län­ger nach­zu­den­ken, hüpf­te der Bär von den Sit­zen der Hal­te­stel­le hin­un­ter, auf die er mit viel Mühe hin­auf­ge­klet­tert war. Run­ter war im­mer leich­ter als rauf. Nun rann­te er, so schnell ihn sei­ne kur­zen Bei­ne tra­gen konn­ten.
Das Haus im Fin­ken­steig Num­mer drei war schnell er­reicht, denn zwan­zig Mi­nu­ten brauch­te er für eine Stre­cke, die ein er­wach­se­ner Mensch in fünf zu­rück­le­gen wür­de. Dies war für ei­nen Bä­ren sei­ner Grö­ße schon be­mer­kens­wert.
Die Fra­ge, wie er hin­ein­kom­men soll­te, er­üb­rig­te sich schnell, denn die wei­ße Haus­kat­ze er­war­te­te ihn schon mit lau­tem Schnur­ren auf der Ve­ran­da. Mit ei­ner leich­ten Kopf­be­we­gung zur Kat­zen­klap­pe zeig­te die Kat­ze ihm den leich­tes­ten Weg ins Haus. Er wuss­te, dass er Tie­ren ver­trau­en konn­te, sie hat­ten schließ­lich die­sel­be Auf­ga­be wie er. So nick­te er der wei­ßen Dame dan­kend zu, be­vor er sich durch die Plas­tik­lap­pe hin­durch­zwäng­te.
Bis auf ein paar Stim­men, wel­che aus dem zwei­ten Stock zu kom­men schie­nen, war das Haus ru­hig und der Bär be­weg­te sich ohne Pro­ble­me un­be­merkt durch die Woh­nung. Auf Ze­hen­spit­zen und mit lan­gen Schrit­ten husch­te er erst durch den Flur und dann in das Zim­mer, in wel­chem der gro­ße, grü­ne, bunt­ge­schmück­te Weih­nachts­baum stand. Er­leich­tert be­trach­te­te er den Baum und such­te sich dar­auf­hin ein ge­müt­li­ches Plätz­chen. Zwi­schen ei­nem Feu­er­wehr­au­to und ei­nem selbst­ge­strick­ten Pull­over fand er ei­nen an­ge­neh­men Platz und ließ sich brum­mend nie­der.
Et­was er­schöpft von dem auf­re­gen­den Tag schloss der Bär die Au­gen und fiel schlaff in sich zu­sam­men. Er wür­de wie­der auf­wa­chen, wenn die nächs­te Däm­me­rung an­brach. Wenn die Mons­ter kä­men.

Ge­schich­ten­er­zäh­ler Adri­an
Il­lus­tra­ti­on: Ge­schich­ten­zeich­ne­rin Ce­li­na

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