Zum 70. Geburtstag Bernhard Schlinks: Der Vorleser

by Bücherstadt Kurier

Es ist kein Wun­der, dass der 1995 erschie­nene Roman als Schul­lek­türe so beliebt ist, strotzt er doch nur so vor Sym­bo­lik. Sei es das ritu­elle Rein­wa­schen Han­nas und Micha­els oder Han­nas Umgang mit ihrer eige­nen Schuld. 

Die Schuld, die alles bewegt

Wenn man „Der Vor­le­ser“ von Bern­hard Schlink in einem Wort zusam­men­fas­sen müsste, dann wäre es: Schuld. Sie ist Dreh- und Angel­punkt der Geschichte, die sich um Michael Berg dreht, zu Beginn noch ein ganz nor­ma­ler 15-jäh­ri­ger Bur­sche, der auf­wächst zwi­schen Nach­kriegs­zeit und Wirt­schafts­wun­der­jah­ren. Eine Epo­che also, in der die kol­lek­tive Schuld der Deut­schen unter den Tep­pich des auf­kei­men­den Wohl­stan­des gekehrt wird. Wäh­rend die Alten ver­drän­gen und die Jun­gen noch schwei­gen, trifft Michael die ältere Hanna Schmitz. Sie ist 36 und er erbricht sich. So ler­nen sie sich ken­nen und begin­nen eine son­der­bare Lie­bes­be­zie­hung, die Michael für sein gesam­tes Leben prä­gen soll. Und auch hier wird das Thema Schuld auf­ge­grif­fen, in dem Schlink sei­nen Prot­ago­nis­ten eine Liebe erfah­ren lässt, die per Defi­ni­tion schon keine gesell­schaft­li­che Akzep­tanz erfah­ren kann und selbst Micha­els Leben als Erwach­se­ner nega­tiv beeinflusst.
Die Bezie­hung basiert dabei auf kla­ren Ritua­len: Bei jedem Tref­fen liest Michael der erwach­se­nen Frau vor, dann baden sie und schla­fen schließ­lich mit­ein­an­der. Wäh­rend Michael sich zuneh­mend in Hanna ver­liebt, bleibt diese für den Leser jedoch immer eine Fremde. Zum einen, weil die Geschichte gänz­lich aus Micha­els Per­spek­tive erzählt wird, zum ande­ren weil Schlink es ver­steht, die Per­son Hanna stets unnah­bar, pha­sen­weise kalt wir­ken zu las­sen. Alles, was wir von ihr erfah­ren, ent­springt allein Micha­els Wahr­heit, die er sich über die Jahre zusam­men­ge­reimt hat. So bleibt Hanna dem Leser ein Mys­te­rium. Und so plötz­lich sie in Micha­els Leben auf­ge­taucht ist, so plötz­lich ver­schwin­det Hanna wieder.

Erst wäh­rend sei­nes Jura­stu­di­ums tref­fen die bei­den wie­der auf­ein­an­der und zwar im Gericht, das Michael wäh­rend eines Semi­nars zur „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“ besucht. Dort erkennt er Hanna auf der Ankla­ge­bank. Denn, wie Michael und der Leser par­al­lel erfah­ren, Hanna war Auf­se­he­rin in einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und muss sich nun für die Gräu­el­ta­ten ver­ant­wor­ten. Erst im Ver­lauf des Pro­zes­ses däm­mert es Michael dabei, dass Hanna Analpha­be­tin ist und ihr gesam­tes Leben lang ver­sucht hat, die­ses Han­di­cap vor der Gesell­schaft zu ver­ber­gen. Statt im Pro­zess ihre Schwä­che zu offen­ba­ren und sich dadurch zu ent­las­ten, ent­schei­det Hanna, die Schuld auf sich zu neh­men. Wäh­rend Michael mit der Schuld leben muss, eine Nazi­ver­bre­che­rin geliebt zu haben. Dabei spie­gelt Bern­hard Schlink die Gesell­schaft im Klei­nen sehr gut wider. Sei es nun der Rich­ter, der im Namen des Kol­lek­tivs über Hanna urtei­len soll und so der gesell­schaft­li­chen Pflicht nach Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung nach­kommt, oder Michael selbst, der Hin- und Her­ge­ris­sen ist zwi­schen sei­nem Schre­cken und dem Gefühl Hanna bei­ste­hen zu müssen.

Hanna wird ver­ur­teilt und Michael lässt über die Jahre einen Teil ihres Ritu­als auf­le­ben – das Vor­le­sen. Er schickt ihr bespro­chene Kas­set­ten ins Gefäng­nis, wart ansons­ten aber Distanz zur ehe­ma­li­gen Gelieb­ten, der er damit jedoch ein Stück Frei­heit gibt. Denn Hanna lernt mit­hilfe der Kas­set­ten Lesen und Schrei­ben und hat zum ers­ten Mal die Mög­lich­keit sich selbst mit ihrer Schuld auseinanderzusetzen.

Es ist kein Wun­der, dass der 1995 erschie­nene Roman als Schul­lek­türe so beliebt ist, strotzt er doch nur so vor Sym­bo­lik. Sei es das ritu­elle Rein­wa­schen Han­nas und Micha­els oder Han­nas Umgang mit ihrer eige­nen Schuld. Aber „Der Vor­le­ser“ gehört sicher­lich zu einem der weni­gen Schul­bü­cher, die man auch nach Klas­sen­ar­bei­ten oder Klau­su­ren noch­mal in die Hand nimmt. Ob Hanna ihre Ent­schei­dung am Ende aus gebro­che­nem Her­zen oder aus Gewis­sens­kon­flik­ten trifft, dar­über kön­nen Michael und der Leser nur mut­ma­ßen. Es ist wie mit der Schuld, man kann sich ihr stel­len, die Kon­se­quen­zen tra­gen – oder auch nicht.

Ann-Chris­tin

Wei­tere Informationen:

Bern­hard Schlink ist einer der mei­st­über­setz­ten deut­schen Gegen­warts­au­toren. Natio­nal und inter­na­tio­nal aus­ge­zeich­net, das Werk über­setzt in 53 Spra­chen, hatte er sei­nen Durch­bruch mit dem Roman „Der Vor­le­ser“ – dem ers­ten deut­schen Buch, das es auf Platz 1 der New-York-Times-Best­sel­ler­liste schaffte. 2008 wurde der Roman mit Kate Wins­let (Hanna Schmitz), David Kross (jun­ger Michael Berg) und Ralph Fien­nes (Michael Berg) verfilmt.
Bern­hard Schlink wird an sei­nem Geburts­tag im Inter­view mit Ulrich Wickert bei Wickerts Bücher auf NDR Kul­tur am 6.7.2014 um 13:00 Uhr zu hören sein. Am 5.7.2014 ab 8:30 Uhr, liest er auf NDR Kul­tur vorab aus sei­nem neuen Roman „Die Frau auf der Treppe“, der ab 27. August im Buch­han­del erhält­lich ist.
Ab Sep­tem­ber 2014 geht Bern­hard Schlink auf Lesereise.

Titel: Der Vor­le­ser; Autor: Bern­hard Schlink; Ver­lag: Dio­ge­nes; Erschei­nungs­jahr: 1995

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