Top oder Flop? Mehr als ein Casting zu viel

Ju­gend­dys­to­pi­en sind schon seit ei­ni­gen Jah­ren in. Mör­de­ri­sche Spie­le zur Un­ter­hal­tung ei­ner rei­chen Min­der­heit, staat­li­che Ge­ne­ral­über­wa­chung, Fol­ter und Genex­pe­ri­men­te. Es wird al­les aus­pro­biert. Auch eine Ge­sell­schaft, die auf Cas­tings ba­siert. Zei­len­schwim­me­rin Ron­ja hat sich „Cas­ting – Spiel ums Le­ben“ von Yvon­ne Rich­ter vor­ge­nom­men.

castingLo­vis und Jo tref­fen sich bei ei­nem der vie­len Cas­tings, die sie be­strei­ten, um ih­ren Le­bens­un­ter­halt zu er­spie­len. Wäh­rend an­de­re ihre Kon­kur­ren­ten be­lei­di­gen und zu ver­drän­gen ver­su­chen, be­schlie­ßen die bei­den, ihre Ge­win­ne zu tei­len. Bald dar­auf schlie­ßen sich wei­te­re ih­rer klei­nen Ge­mein­schaft an. Ge­mein­sam ent­de­cken sie, was hin­ter den lau­ten und bun­ten Ku­lis­sen ih­rer Welt vor sich geht.

Das Grund­prin­zip ei­nes Cas­tings eig­net sich her­vor­ra­gend für eine Dys­to­pie. In ei­ner Ge­sell­schaft, in der die Bür­ger ge­zwun­gen sich, sich al­les (Es­sen, Woh­nung, Klei­dung, Bil­dung etc.) durch die Teil­nah­me an bi­zar­ren und ge­fähr­li­chen Shows zu er­ar­bei­ten, ent­steht au­to­ma­tisch eine Schicht von be­nach­tei­lig­ten, ver­arm­ten Men­schen. So weit, so gut. An­schlie­ßend braucht es al­ler­dings eine gute Be­grün­dung, war­um die­se Ge­sell­schaft so auf­ge­baut ist oder zu­min­dest eine ge­naue Er­klä­rung, wie sie funk­tio­niert. Bei­des lässt „Cas­ting“ je­doch ver­mis­sen. War­um gibt es die ver­schie­de­nen Ge­sell­schafts­klas­sen? War­um ge­hört wer zu wel­cher Klas­se? Wer sieht sich die Cas­tings an, wenn sie schon ge­filmt wer­den? Wer sind die omi­nö­sen In­ves­to­ren und was ist ihr Zweck? War­um wird über­haupt ge­cas­tet? Auf kei­ne die­ser Fra­gen bie­tet der Ro­man eine Ant­wort.
Hin­zu kommt, dass der Hand­lungs­auf­bau sehr ein­fach ge­hal­ten und sprung­haft ist. Ge­ra­de span­nen­de Stel­len wie die Sa­bo­ta­ge ei­ner Show oder die Flucht aus der Ge­fan­gen­schaft wer­den oft in nur we­ni­gen zu­sam­men­ge­fasst und schon geht es wei­ter zum nächs­ten Er­eig­nis.

Ins­ge­samt blei­ben vie­le Ge­scheh­nis­se un­ge­nau und flüch­tig. Da­durch geht so­wohl die Nähe zu den Fi­gu­ren als auch zur Hand­lung stif­ten. Die Fi­gu­ren blei­ben sehr flach und ent­wi­ckeln sich nicht. Bis auf ver­ein­zel­te (meist kör­per­li­che) „Un­fein­hei­ten“ schei­nen sie kei­ne Feh­ler zu ha­ben und kaum wel­che zu ma­chen. Ihre Mo­ti­va­ti­on, die Ge­sell­schafts­ord­nung zu be­kämp­fen und ver­än­dern zu wol­len, ist aus mo­ra­li­schem Stand­punkt nach­voll­zieh­bar und lo­bens­wert, es fehlt je­doch der per­sön­li­che An­reiz. Die Idee ist plötz­lich da und fin­det brei­te Zu­stim­mung aber kaum Wi­der­stand.
Die­ser soll­te ei­gent­lich von den Ju­ro­ren der Cas­tings und den In­ves­to­ren kom­men. Die In­ves­to­ren blei­ben al­ler­dings völ­lig im Hin­ter­grund und schei­nen auch gar nichts von den men­schen­wid­ri­gen Um­stän­den zu wis­sen. Die Ju­ro­ren sind aber eben­falls kei­ne wirk­li­chen Geg­ner. Zwar ver­su­chen sie, Jo und Lo­vis zu stop­pen, al­ler­dings ohne ih­nen je­mals wirk­lich nahe zu kom­men. Durch Fehl­schlä­ge, Rat­lo­sig­keit und in­ter­ne Zan­ke­rei­en (so­wie je ein Ju­ror mit Sprach­feh­ler und star­kem, baye­ri­schem Dia­lekt, der in den Fuß­no­ten über­setzt wer­den muss­te und sehr de­plat­ziert wirkt) er­schei­nen sie viel­mehr als lä­cher­lich und we­nig in­tel­li­gent. Po­si­tiv an­zu­mer­ken ist da­ge­gen, dass es nicht eine ein­zi­ge Lie­bes­ge­schich­te gibt. Vor al­lem kei­ne von den viel zu häu­fig auf­tre­ten­den Drei­ecks­be­zie­hun­gen.

Al­les in al­lem ist „Cas­ting“ sprach­lich auf ei­nem recht ein­fa­chen Ni­veau und in­halt­lich eher un­be­frie­di­gend. Ins­be­son­de­re die Nicht-Begründung des Sys­tems hin­ter­lässt viel zu vie­le of­fe­ne Fra­gen .

Cas­ting – Spiel ums Le­ben. Yvon­ne Rich­ter. Fabulus-Verlag. 2016. Ab 10 Jah­ren.

Zeilenschwimmerin Ronja
Über Zeilenschwimmerin Ronja 39 Artikel
Haust zwischen Regalreihen voller Bücher und schmiert sich beim Schreiben immer die Hände mit Tinte voll. Momentan studiert sie Transnationale Literaturwissenschaft. Dort kann sie sich nicht nur weiter mit Literatur beschäftigen, sondern auch ihrem zweiten Laster, dem Film, ganz offiziell weiter hingeben.

Kommentar hinterlassen

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*