Pierre Brice – Ein Nachruf

by Bücherstadt Kurier

Mit der Rolle des Karl May-India­ner­häupt­lings Win­ne­tou hat Pierre Brice einen Hel­den für ganze Genera­tio­nen erschaf­fen. Nun wan­delt er in den Ewi­gen Jagd­grün­den. Bücher­bän­di­ge­rin Eli­sa­beth trau­ert mit und rollt das Leben des fran­zö­si­schen Apa­chen-Häupt­lings in ein paar Wor­ten noch ein­mal auf.

„Win­ne­tou hat für Friede, Frei­heit, Respekt und Men­schen­rechte gekämpft – wie ich auch.“

Was er geschafft hat, hätte er sich selbst nie­mals erträu­men las­sen. Ein Schau­spie­ler, der im eige­nen Land weit­ge­hend unbe­kannt ist, für Pro­duk­tio­nen nach Ita­lien und Spa­nien geht, wird mit einem Mal ent­deckt. Und somit ein Held und ein Star für Jahrzehnte.
Pierre Brice, gebo­ren am 6.2.1929 in Brest, wächst zwi­schen den bei­den gro­ßen Krie­gen auf, ver­pflich­tet sich spä­ter für den Dienst in Arme­nien und Indo­china. Erst einige Tap­fer­keits­me­dail­len und vie­ler Erfah­run­gen schwe­rer, erwacht sein Wunsch, in die Schau­spie­le­rei zu gehen. Anfäng­lich mit mäßi­gem Erfolg. Bis die ers­ten Ange­bote für Film und Thea­ter kom­men, aller­dings haupt­säch­lich aus Ita­lien und Spa­nien, wo er gro­ßen Bekannt­heits­grad erhält.

Das Leben als Winnetou

Ein spa­ni­scher Film sollte es dann auch sein, der seine Schick­sals­fä­den neu knüpft. „Los Atra­ca­do­ras“ wurde auf der Ber­li­nale 1962 vor­ge­stellt. Mit dabei: Pierre Brice. Mit dabei auch Pro­du­zent Horst Wend­landt. Der Ber­li­ner hatte bis dahin Kri­mis gedreht, Edgar Wal­lace und Ähn­li­ches, bis sein Sohn ihm Karl May ans Herz gelegt hatte. Das Dreh­buch für „Der Schatz im Sil­ber­see“ lag vor, Lex Bar­ker hatte seine Zusage als Old Shat­ter­hand schon unter­schrie­ben, nur der zweite Haupt­dar­stel­ler fehlte. Und die­sen fand Wend­landt rich­tig­ge­hend auf den ers­ten Blick. Lei­der ver­säumte er es, Brice anzusprechen.

Erneut war es der Zufall, der die Dinge rich­tete: Über Umwege kam Wend­landt einige Wochen spä­ter an die Mana­ge­rin sei­nes Wunsch-Win­ne­tous und unter­brei­tete das Ange­bot. Als Pierre Brice davon erfuhr, war er aber skep­tisch. Einen India­ner zu spie­len, auch noch auf Grund­lage eines ihm unbe­kann­ten Autors. Doch nach­dem er sich einen Karl May-Roman gekauft und gele­sen hatte, war er voll­kom­men über­zeugt, sagte zu. Zwei Wochen dar­auf began­nen die Dreh­ar­bei­ten zu „der Schatz im Sil­ber­see“ in Jugoslawien.
Zwi­schen 1962 und 1968 wur­den 11 Win­ne­tou-Filme abge­dreht und in die Kinos gebracht. Alle­samt ein rie­si­ger Erfolg. Eigent­lich soll­ten es weni­ger wer­den, doch die Pro­test­welle, als bekannt wurde, dass Win­ne­tou nach Buch­vor­lage im drit­ten Teil des Fil­mes ster­ben sollte, war so groß, dass sich die Fans erst beru­hig­ten, als Wend­landt Zuge­ständ­nisse machte, wei­tere Filme zu dre­hen. Pierre Brice war ein Star für Jung und Alt. Er erhielt Aus­zeich­nun­gen, wurde auf dem Titel­bild der BRAVO so oft abge­bil­det wie kein ande­rer. Meh­rere Bam­bis, die Gol­dene Kamera, sogar eine Abord­nung von Win­ne­bago-India­nern aus Nebraska kam nach Deutsch­land, um Brice für den Ein­satz der Rechte „des roten Vol­kes“ zu ehren.

Das Ende einer Ära?

Die Ära Win­ne­tou scheint zu Ende, als keine wei­te­ren Filme mehr in Pla­nung gehen. Wie viele andere wird Pierre Brice mit einer ein­zi­gen Rolle berühmt und fin­det mit ande­ren Wer­ken kaum Anschluss. Doch Win­ne­tou hat ihn geprägt. Er ver­schmolz mit sei­ner Rolle, machte sich Win­ne­tous Leit­sätze zu eigen. Für Gerech­tig­keit kämp­fen, für Tole­ranz und Men­schen­rechte. Brice war UNICEF – Bot­schaf­ter, machte sich stark für ver­schie­dene Pro­jekte und half auch selbst tat­kräf­tig mit. Doch auch die Rolle „Win­ne­tou“ ließ ihn nicht mehr los. Er drehte die Serie „Mein Freund Win­ne­tou“, in der er voll­stän­dig ohne die roman­ti­sierte Vor­lage von Karl May arbei­tete und sich eng an india­ni­scher Kul­tur hielt. „Win­ne­tous Rück­kehr“, ein Zwei­tei­ler, in wel­chem Win­ne­tou den töd­li­chen Gewehr­schuss aus „Win­ne­tou III“ über­lebt und noch ein­mal Aben­teuer erlebt, bringt ihn wie­der ins Fern­se­hen. Rei­fer, erwach­se­ner und ohne syn­chro­ni­sierte Stimme – mit fran­zö­si­schem Akzent.

Für Win­ne­tou stieg er im deut­schen Bad Sege­berg und in Elspe wie­der auf das Pferd und nahm an den „Karl-May-Fest­spie­len“ in sei­ner eige­nen Rolle – als sein Alter Ego – teil, schrieb man­che Stü­cke selbst. Spä­ter führte er Regie. Er ver­öf­fent­lichte die Auto­bio­gra­fie „Win­ne­tou und ich“, er sang, weil seine Fans die Sing­stimme des Win­ne­tou hören woll­ten. Er war stets aktiv, wenn auch nicht immer im Ram­pen­licht. Im Alter von 85 Jah­ren meinte er noch: „Der Rücken tut zwar weh, die Knie auch. Doch Win­ne­tous Herz schlägt noch wie bei einem jun­gen Krieger.“
Am 6. Juni 2015 starb Pierre Brice dann im Alter von 86 Jah­ren in einem Kran­ken­haus nahe Paris.

Pierre Brice setzte sich ein, für das, wofür er stand. Wofür auch Win­ne­tou stand und kämpfte. Die Men­schen brauch­ten und brau­chen diese Hel­den, denn nichts hat es bis­her geschafft, die Magie die­ser Rolle, die Magie die­ses Man­nes zu schmä­lern. Für viele Genera­tio­nen wird Win­ne­tou unsterb­lich blei­ben. Win­ne­tou und Pierre Brice, die untrenn­bar zu einem ein­zi­gen Bild gewor­den sind. Ein Bild, das Frie­den, Gerech­tig­keit und Ehre ver­mit­telt. Und viel­leicht rei­ten sie nun wie­der gemein­sam, Seite an Seite durch die Jagd­gründe, Win­ne­tou und sein Bluts­bru­der Old Shatterhand.

Quel­len:
www​.pier​re​brice​.de
www​.han​dels​blatt​.com

Illus­tra­tion: Aaron

Weiterlesen

Leave a Comment

Diese Seite verwendet Cookies. Mit der Nutzung unserer Website erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Erfahre mehr