Nur ein Traum?

„Wie lang bleibst du noch in mei­nen Träu­men? Und wann gibst du mich wie­der her?“ (aus „Miss Cur­ly Hair“, Ju­li­an Le Play)

Du stehst mir ge­gen­über. Ob­wohl es ewig her ist, dass ich dich au­ßer­halb ei­nes Trau­mes ge­se­hen habe, bist du mir kein biss­chen fremd. Es ist, als wäre kei­ne Zeit ver­gan­gen, als hät­te sich nie et­was ge­än­dert. Es ist wie da­mals: die Ver­trau­lich­keit, die Zwei­sam­keit... Du bist noch ge­nau so schön wie ich dich in Er­in­ne­rung habe. Und das Bes­te ist: Du bist hier, hier bei mir.

Doch nur ei­nen Mo­ment lang ist mir die­se Freu­de ge­stat­tet. Denn dann wen­dest du dich ab von mir. Du rennst die Stu­fen hin­ab, auf das un­ten war­ten­de Auto zu. Du ver­lässt mich. Ich blei­be al­lein zu­rück.

Mir ist so­fort klar, dass dies ei­ner die­ser ent­schei­den­den Mo­men­te im Le­ben ist. Ei­nes ist si­cher: Al­les wird sich än­dern, so oder so. Die Ent­schei­dung, wie es sich ver­än­dert, liegt bei mir – und sie fällt mir kein biss­chen schwer.

Es be­darf bei Wei­tem nicht so vie­len Mu­tes wie ge­dacht, das „Rich­ti­ge“, aber auch das „Schwie­ri­ge­re“ zu tun: Noch be­vor du am Auto an­ge­kom­men bist, ren­ne ich dir hin­ter­her. Ich will dich auf­hal­ten. Du sollst hier­blei­ben, hier bei mir.

Ich rufe dei­nen Na­men. Über­rascht bleibst du ste­hen und drehst dich zu mir um. Ich gebe mir nicht die Zeit zu zö­gern oder zu zwei­feln, wie du re­agie­ren und wie die­se Sa­che hier aus­ge­hen wird; noch ehe ich mich ver­se­he, kom­men die Wor­te, die mir so lan­ge Angst mach­ten, schon über die Lip­pen: „Bleib hier – ich lie­be dich!“

Was sind wir glück­lich da­nach… So leicht und un­be­schwert und ganz ohne Sor­gen habe ich mich noch nie ge­fühlt. Wir al­bern her­um, ja­gen ein­an­der durch den Gar­ten, nur, um vom an­de­ren be­rührt zu wer­den. Ich hole dich ein, ren­ne dich fast um und zie­he dich, strau­chelnd und halb stür­zend, la­chend in eine Um­ar­mung. Du hältst mich fest und ge­mein­sam fin­den wir ins Gleich­ge­wicht zu­rück. Du und ich.

Als ich er­wa­che, bin ich ent­täuscht, dass es – wie­der ein­mal – nur ein Traum war, und är­ge­re mich gleich­zei­tig, weil es mein Un­ter­be­wusst­sein – wie­der ein­mal – bes­ser wuss­te als ich. So fel­sen­fest war ich da­von über­zeugt, ab­ge­schlos­sen zu ha­ben mit dir, mit uns – ich hät­te al­les da­für ver­wet­tet. Okay, viel­leicht nicht al­les, aber schon sehr viel. Doch ich habe mich deut­lich ge­irrt: In Mo­men­ten wie die­sen bist du mir prä­sen­ter als je zu­vor.
Manch­mal fühlt es sich so an, als wür­de ich wahn­sin­nig wer­den, so sehr be­schäf­tigt es mich. Auch die Tat­sa­che, dass nie­mand da­von weiß, trägt nicht zur Lö­sung die­ses „Pro­blems“ bei – aber ich rede mir er­folg­reich ein, dass ich die­ses Ge­heim­nis für mich be­wah­ren will. Bei mei­nem „Kampf“ zu­rück in den All­tag, ver­su­che ich mir ein­zu­re­den, dass es nur ein Traum war. Mo­ment, nur ein Traum? Das über­zeugt mich nicht. Ist es nicht viel­mehr eine Bot­schaft mei­nes Un­ter­be­wusst­seins? Eine Ver­ar­bei­tung von Ge­dan­ken, Ein­drü­cken, Ge­füh­len? Nein, es ist nie „nur ein Traum“ – es ist so viel mehr.

Verse­flüs­te­rin Sil­via
Il­lus­tra­ti­on: Sei­ten­künst­ler Aa­ron

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