Nora Gomringer

by Bücherstadt Kurier

„Gerne wäre ich ein schma­ler Band im Regal der wun­der­ba­ren Autorin Nina Jäckle und gerne wäre ich so schön und leicht, dass sie Freude daran hätte mich oft aus dem Regal zu neh­men und in mir zu blättern.“

[Interview] Im Stadtgespräch_Nora Gomringer

Foto: pri­vat

Fuß­no­ta­rin Nata­lie hat sich mit Autorin Nora Gom­rin­ger über ihre Bücher und ihre Erfah­run­gen im Poe­try-Slam und im Aus­land unterhalten.

BK: Sie schrei­ben schon seit län­ge­rer Zeit und haben auch schon eini­ges ver­öf­fent­licht. Ihr Métier ist die Lyrik. Was fas­zi­niert Sie so sehr an die­ser Gattung?

NG: Lyrik ist die älteste und effek­tivste Form von Lite­ra­tur. Sie kann erzäh­len, sin­gen, ver­stö­ren und berüh­ren. Was kann man mehr von Lite­ra­tur fordern?

BK: Haben Sie denn auch ein Lieblingsgedicht?

NG: Oh, viiiiele! Aber die erste Bal­lade, die ich jemals aus­wen­dig gelernt habe, war die „Wald­ein­sam­keit“ von Hein­rich Heine. Ich liebe sie sehr.

BK: Sie haben ja den Inge­borg-Bach­mann-Preis die­ses Jahr gewon­nen. Wie war das für Sie?

NG: Die Teil­nahme ist eine Ner­ven­sa­che, wobei das Lesen im Stu­dio sehr ange­nehm war – auch die Jury-Runde. Unan­ge­nehm waren die rest­li­chen Tage und die Preis­ver­lei­hung. Ich habe das sehr ange­spannt und ungläu­big erlebt und war irgend­wann nur noch Sta­tis­tin in mei­nem eige­nen „Film“. Jetzt mit etwas Abstand kann ich sagen: Es war groß­ar­tig und zum Glück hatte ich Ver­lag und Fami­lie dabei.

BK: Beim Bach­mann­preis wer­den Pro­sa­texte und Text­aus­schnitte bewer­tet. Sie schrei­ben aber meist lyri­sche Texte. Wieso jetzt die Teil­nahme und das Wag­nis an eine andere Gattung?

NG: Die Ein­la­dung zur Teil­nahme am Wett­be­werb war und ist eine Ehre. Zudem ein Aus­druck von Ver­trauen und Inspi­ra­tion. San­dra Kegel, meine ein­la­dende Juro­rin, hatte mich 2000 in einer Bar in Rei­jk­ja­vik als Dich­te­rin auf der Bühne gese­hen und rief an mit der Bitte in Kla­gen­furt mit mir erschei­nen zu dür­fen. Da hab ich mich dran­ge­setzt. Über die letz­ten 15 Jahre schrift­stel­le­ri­scher Tätig­keit habe ich nicht wenige Prosa-Texte ver­öf­fent­licht. Es liegt also nicht soooo fern.

BK: Was macht Ihren Text „Recher­che“ aus?

NG: Das müss­ten die Lese­rin­nen und Leser beur­tei­len. Und ein Tipp sei der Lite­ra­tur stets bei­gege­ben: Laut lesen!

BK: Hat es Sie gereizt, Texte die­ser Art zu schrei­ben und wird es in Zukunft noch mehr Geschich­ten von Ihnen geben?

NG: Immer wie­der: Ja, solange mir etwas ein­fällt und das Schrei­ben zu bewäl­ti­gen ist. Ich arbeite in zwei Jobs mit jeweils 100%. Das ist nicht leicht zu jon­glie­ren, aber ich gebe mir Mühe und zahle den nöti­gen Preis dafür. Bis Ende 2015 wer­den sechs Bücher ver­öf­fent­licht sein. Drei davon ganz neu und drei Text­samm­lun­gen älte­rer, zum Teil bereits erschie­ne­ner Texte. Das ist das Ergeb­nis zwei leb­haf­ter Jahre seit 2013.

BK: Was moti­viert Sie zum Schreiben?

NG: Auf­träge durch andere oder von mir selbst for­mu­lierte. Auch das Reagie­ren auf Zeit, Atmo­sphäre, Stim­men und Stim­mun­gen. Oft gehe ich in Vor­le­sun­gen über The­men, die mir zunächst fern sind. Das finde ich anre­gend – Neues Voka­bu­lar. Außer­dem bin ich publi­kums­be­zo­gen. Ich will nicht lang­wei­len. Ich will arbeiten.

BK: Haben Sie einen Lieb­lings­ort an dem Sie schreiben?

NG: An mei­nem Lap­top, egal wo ich ihn an eine Steck­dose anste­cken kann. Ich nutze län­gere Zug­stre­cken sehr gerne.

BK: Als Dich­ter ist man mit sei­nen Gedan­ken immer am Werk und die Inspi­ra­tion kann einen zu jeder Zeit packen. Hat man eigent­lich noch genug Frei­zeit für sich selbst?

NG: Nein. Aber ich trenne mein Leben auch nicht in Arbeit und Frei­zeit. Ich habe das Glück zwei Berufe aus­füh­ren zu dür­fen, für die ich Aner­ken­nung erfahre und mich demenstpre­chend ganz an sie unterordne.

BK: Sie waren lange Zeit Poe­try-Slam­me­rin und auch sehr aktiv in der Szene. Wieso jetzt nicht mehr?

NG: Ich konnte Slam nur so lange machen, wie ich zeit­lich frei war, kei­nen fes­ten Beruf aus­ge­übt habe und was noch vor­her kam: Die Nach­frage nach Lesun­gen von 50, 70 und 80 Minu­ten aus mei­nen eige­nen Tex­ten durch Ver­an­stal­ter. So löste ich mich vom Slam und bin stolz, mich einst eine Slam­me­rin genannt zu haben. Das ist harte Arbeit, die vor allem in Rei­sen besteht. Das Auf­tre­ten lernt man. Es macht einen furcht­los und es macht einem Lust auf viele ver­schie­dene Büh­nen­for­mate. Ich trete nun fast nur noch mit Phlipp Scholz, Jazz-Drum­mer, im Duo „Peng! Du bist tot“ auf. Nähe­res fin­det ihr dazu auf mei­ner Seite.

BK: Hat der Poe­try-Slam Ihr Schrei­ben beeinflusst?

NG: Sehr. Es ist ein gan­zer Band („Sag doch mal was zur Nacht“) entstanden.

BK: Sie hat­ten auch so einige Auf­tritte. Wel­cher davon hat Sie am meis­ten geprägt?

NG: Im Schnitt sind es 180 im Jahr. In den Slam-Jah­ren waren es zum Teil weit über 200. Da gibt es Erin­ne­rungs­fun­ken an viele ein­zelne und vor allem an Gele­gen­hei­ten, bei denen man Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen zum ers­ten Mal begeg­nen durfte.

BK: Einen Teil Ihrer Schul­zeit haben Sie im Aus­land ver­bracht und auch sonst den ein oder ande­ren Ort für län­gere Zeit besucht. Inwie­weit hat das Ein­fluss auf Ihr Schreiben?

NG: Erfah­run­gen addie­ren zum Leben. Ich ver­su­che mein Schrei­ben nicht vom Leben abge­trennt zu betrach­ten. Also ist natür­lich viel in meine Arbeit ein­ge­gan­gen. Viele Spra­chen und auch viele Sprachbeobachtungen.

BK: Wür­den Sie auch selbst auf ande­ren Spra­chen schrei­ben und publizieren?

NG: Das tue ich sogar. Ich bin auch in meh­rere Spra­chen übersetzt.

BK: Einer Ihrer letz­ten Gedicht­bände behan­delt das Thema Krank­heit und den Kör­per all­ge­mein. Wieso gerade diese Thematik?

NG: Aus den „Mons­ter Poems“ hat sich die Frage nach den Ängs­ten der Men­schen erge­ben. Und die Ängste, die jeder mit sich aus­macht, sind die vor Krank­hei­ten und Schwä­chen. Außer­dem sind Krank­hei­ten kul­tur­his­to­risch hoch inter­es­sant. „Durch Typhus“ lie­ßen sich beide Welt­kriege schil­dern, AIDS erzählt uns über die 80er und die Pest über das Mittelalter.

BK: Sie schrei­ben nicht nur über Krank­heit, son­dern auch über „Mons­ter“. Wieso die­ser leichte melan­cho­li­sche Hang zum Mor­bi­den bzw. Erschreckenden?

NG: Weil mich das Abgrün­dige beschäf­tigt und auch erhei­tert. Ich glaube, dass ich etwas Fata­lis­ti­sches habe. Ich fühle mich auch dem jid­di­schem Humor sehr nahe.

BK: Im Sep­tem­ber erscheint Ihr neues Buch „Ich bin doch nicht hier, um sie zu amü­sie­ren“ mit Ihrem Gewin­nertext „Recher­che“. Kön­nen Sie uns etwas zu Ihrem neuen Werk erzählen?

NG: Ist der Text wirk­lich da drin? Piper wird ihn auch dru­cken. Even­tu­ell wird ein Film dar­aus und ein Hör­spiel soll es auch geben. Es ist shön, dass so viele Medien damit arbei­ten wol­len. Im Band „Ich bin doch nicht hier, um sie zu amü­sie­ren“ fin­den sich im Nach­gang zu „Ich werde etwas mit der Spra­che machen“ eine Aus­wahl der Reden, Arti­kel und Essays von den letz­ten 4 Jahren.

BK: Wel­che Werke haben Sie in Ihrer Kind­heit inspi­riert und tun es heute noch?

NG: Gedichte! Wil­liam Cul­len Bryant, Hein­rich Heine, Mark Strand, Gom­rin­ger, Anne Sexton, Syl­via Plath, Inge­borg Bach­mann... Mär­chen­texte! Die Bibel! Tolle Filme! Fernsehserien!

BK: Zuletzt noch unsere Bücher­stadt Kurier-Frage: Wenn Sie ein Buch oder auch Gedicht wären, wel­ches wären Sie?

NG: Gerne wäre ich ein schma­ler Band im Regal der wun­der­ba­ren Autorin Nina Jäckle und gerne wäre ich so schön und leicht, dass sie Freude daran hätte mich oft aus dem Regal zu neh­men und in mir zu blät­tern. Viel­leicht würde sie mich auch mit­neh­men auf ihre Rei­sen. Das könnte mir gefallen.

Die­ses Inter­view erschien erst­mals in der 18. Aus­gabe des Bücher­stadt Kuriers.
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