Lange Nacht der Literatur

by Zeichensetzerin Alexa

Ham­burg – Am Sams­tag hat in Ham­burg die erste „lange Nacht der Lite­ra­tur“ statt­ge­fun­den. Mehr als 20 Lesun­gen konnte man in die­ser Nacht erle­ben. Ein Grund für Bücher­städ­te­rin Alexa die lite­ra­ri­sche Stadt zu besuchen.

Die Aus­wahl zwi­schen den im Pro­gramm ste­hen­den Lesun­gen fiel nicht leicht. So viele inter­es­sante Autoren, natio­nale sowie inter­na­tio­nale, die ihre Werke vor­stel­len woll­ten. Am Ende ent­schied ich mich für zwei Lesun­gen in der Buch­hand­lung „Saut­ter & Lack­mann“. Als ich sie an die­sem bewölk­ten Sams­tag­abend betrete, bin ich umge­ben von hohen Rega­len vol­ler Fach­bü­cher. So viele Titel sprin­gen mir ent­ge­gen, bekannte wie unbe­kannte. Diese Umge­bung und die freund­li­che, lockere Art von Herrn Saut­ter schafft eine ange­nehme Atmo­sphäre. Wäh­rend die Besu­cher Platz neh­men, berei­tet er die Getränke vor und meint: „Ich weiß, das ist viel­leicht eine komi­sche Rei­hen­folge, aber nehmt euch doch schon mal ein Gläs­chen Wein. Nor­ma­ler­weise macht man das am Ende der Lesung, aber wir machen das hier anders.“ Die Gäste lachen.

Die erste Lesung beginnt um 18 Uhr. Autor Miguel Ángel Hernán­dez Navarro ist für die­sen Abend aus Spa­nien ange­reist, um aus sei­nem Werk „Intento de Esca­pada“ („Flucht­ver­such“) vor­zu­le­sen. Die deut­sche Über­set­zung liest Herr Saut­ter. Wie sich gleich am Anfang her­aus­stellt, spricht der Buch­händ­ler Spa­nisch und kann sich auf diese Weise mit dem Autor abspre­chen. Auf die Frage Saut­ters hin, wer von den anwe­sen­den Besu­chern Spa­nisch sprä­che, folgt die nächste Über­ra­schung: 2/3 der Gäste ver­ste­hen und spre­chen die Spra­che. Auf die­sem Wis­sen basie­rend läuft die Lesung ab: mal auf Deutsch, mal auf Spa­nisch, mal ein Misch­masch. Fle­xi­bel ändern Navarro und Saut­ters die Pla­nung, flüs­tern sich, wäh­rend Navar­ros Beglei­te­rin Mela Dávila Freire das von ihm Vor­ge­le­sene kurz zusam­men­fasst, schnell etwas zu. Die­ser Anblick wirkt auf eine fas­zi­nie­rende Weise ver­traut und locker und ent­lockt so man­chem Besu­cher ein Lächeln.

Navarro liest leb­haft, schnell, ener­gisch. In sei­nem Text ist er so sicher, dass er immer wie­der auf­schaut und den Blick­kon­takt zu sei­nem Publi­kum hält. Wäh­rend Saut­ter auf Deutsch liest, wirkt er dage­gen nach­denk­lich, ver­sun­ken in sei­ner Geschichte. Diese ist Mitte August im Wagen­bach-Ver­lag erschie­nen und han­delt von einem frag­wür­di­gen Kunst­werk: „Ein Künst­ler pfercht einen Afri­ka­ner in eine Holz­kiste und stellt ihn aus die Kri­ti­ker sind begeis­tert. Doch danach ist der Ein­ge­sperrte wie vom Erd­bo­den ver­schluckt. Der Stu­dent Mar­cos beginnt nach­zu­for­schen und steckt mit sei­nem bösen Ver­dacht auch den Leser an: Kann Kunst töd­lich sein?“ Vor allem die letzte Frage mag zu der Ver­mu­tung füh­ren, dass es sich bei die­sem Buch um einen Krimi han­delt. Navarro jedoch ist über die Ein­tei­lung in das Genre „Krimi“ über­rascht, denn beab­sich­tigt hatte er das nicht. „Ich wollte meine Kunst­ideen in die Welt der Lite­ra­tur brin­gen“, sagt er. Als Kunst­his­to­ri­ker stößt er immer wie­der auf ver­schie­dene Sicht­wei­sen und Fra­ge­stel­lun­gen. Vor allem auf die Frage „Ist das Kunst oder nicht“ geht er an die­sem Abend aus­führ­lich ein. Denn er ist der Mei­nung, dass Kunst heut­zu­tage zu viele Bedeu­tun­gen hat. Dabei geht es ihm gar nicht darum zu hin­ter­fra­gen, ob es Kunst sei, son­dern was für eine Art von Kunst. Die wirk­lich bedeu­tende Frage ist eher: Ist diese Kunst ethisch ver­tret­bar? Durch den Prot­ago­nis­ten äußert er seine Ideen, die er als Kunst­his­to­ri­ker in einem Fach­buch so nicht beschrie­ben hätte, da man ihn sonst für ver­rückt erklärt hätte. Zumin­dest glaubt er das. „Es geht hier um Mög­lich­kei­ten, nicht um Wahr­hei­ten“, sagt er. Der Prot­ago­nist steht zwi­schen ihm als Per­son und dem Leser und zeigt auf eine ganz andere Art und Weise die Pro­ble­ma­tik der Kunst auf. Jemand, der sich sonst nicht für Kunst inter­es­siert, könnte den­noch zu die­sem Buch grei­fen, da ihn die Geschichte anspricht. Somit erreicht er ein ande­res Publikum.
Die Idee „Kunst­werke in soziale Ereig­nisse umzu­wan­deln“ fand gro­ßen Anklang. Vom Publi­kum kamen Fra­gen – auch hier wie­der auf Deutsch und Spa­nisch – aber auch Lösungs­an­sätze: Man könne Kunst­kri­tik im Jour­na­lis­mus-Bereich ver­stär­ken und öfter Kunst­aus­stel­lun­gen orga­ni­sie­ren. Auch wenn noch viel Gesprächs­be­darf ist, muss Saut­ter die Lesung been­den, da im Anschluss eine wei­tere statt­fin­den soll.

Einige Besu­cher gehen, andere wie­derum kom­men. Als Jür­gen Bra­cker Platz nimmt, um sein Buch „Am Ruder der Tod“ vor­zu­stel­len, ver­liert Saut­ter nur wenige Ein­lei­tungs­worte und über­lässt Bra­cker das Feld. Die­ser beginnt mit lau­ter, kräf­ti­ger Stimme vor­zu­le­sen. Sein Buch behan­delt poli­tisch, his­to­ri­sche The­men, erzählt von ent­täusch­ter Liebe, Aus­gren­zung, Frem­den­hass und Kriegs­be­geis­te­rung, ein­ge­bet­tet in einen Krimi: „Mord im Watt! Die Lei­che eines Jung­fi­schers wird Pfingst­mon­tag 1911 bei pot­ten­dich­tem Nebel im Hafen ange­trie­ben. Sehr ver­schie­den­ar­tige Motive hät­ten einen Tod her­bei­füh­ren kön­nen. Der Land­arzt Dr. Wit­ten­borg fand die Spur im Nebel der Motive.“ Bra­ckers Begeis­te­rung ist spür­bar, er liest über­zeu­gend, mit Gefühl. Die Lie­der­verse singt er sogar vor. Anschlie­ßend beant­wor­tet er einige Fra­gen. Doch viel Zeit hat er nicht. Denn schon geht es wei­ter mit der „lan­gen Nacht der Lite­ra­tur“ im Lite­ra­tur­haus, wo der erste Buch­han­dels­preis der Stadt ver­ge­ben wer­den soll.

Ich ver­lasse die Buch­hand­lung. Drau­ßen ist es bereits dun­kel gewor­den, der Him­mel ist ster­nen­klar. In mei­nem Kopf schwir­ren noch die Impres­sio­nen bei­der Lesun­gen: Kunst, Mord, Wein… Und wäh­rend ich die Brü­cken der Stadt ent­lang­laufe, die Lich­ter in den geöff­ne­ten Buch­hand­lun­gen sehe, da denke ich nur noch: Ja, das war eine schöne, lange Nacht der Literatur.

Wei­tere Informationen:
www​.lan​gen​acht​der​li​te​ra​tur​.de
www​.saut​ter​-lack​mann​.de

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0 comment

literaturen 1. September 2014 - 8:27

Liebe Alexa,

du hast es rich­tig gemacht und bist an einem Ort geblie­ben. 😉 Sollte – und ich hoffe es doch sehr – nächs­tes Jahr wie­der eine Lange Nacht statt­fin­den, werde ich es auch so machen. Sonst wird man den Ver­an­stal­tun­gen ein­fach nicht gerecht.
Liebe Grüße

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