Helge Vogt und Hubertus Rufledt

by Zeichensetzerin Alexa

„Jedes Pro­jekt, an dem man arbei­tet oder gear­bei­tet hat, liegt einem am Herzen.“

Die Macher von „Ali­sik“, Huber­tus Ruf­ledt und Helge Vogt, haben uns in der Bücher­stadt besucht und sich Zeit für Ale­xas Fra­gen genommen. 

BK: Bitte stellt euch kurz unse­ren Lesern vor.

Huber­tus: Also ich heiße Huber­tus Ruf­ledt, bin genau 39 Tage jün­ger als Kevin Cos­t­ner und 21 Tage älter als Bruce Wil­lis und wohne in Potsdam.

Helge: Hallo, mein Name ist Helge Vogt und ich bin gebür­ti­ger Ber­li­ner. Seit unge­fähr 10 Jah­ren arbeite ich als Illus­tra­tor und Comic­zeich­ner. Ich bin Co-Autor und Zeich­ner von Ali­sik, aber viele wer­den wohl eher eines mei­ner inzwi­schen über 80 Buch­co­ver ken­nen. Auf trick​welt​.com kann man einige Arbei­ten sehen.

BK: Wie seid ihr zum Schrei­ben bzw. Illus­trie­ren gekommen?

Huber­tus: Unmit­tel­bar nach der Wende – ich bin in der DDR gebo­ren – fragte mich eine Bekannte, ob ich nicht Lust hätte für eine der vie­len neu gegrün­de­ten ost­deut­schen Zei­tun­gen zu schrei­ben. Einer mei­ner ers­ten Bei­träge war ein Arti­kel über den Ber­li­ner Comic­ver­lag Mosaik, der auch das gleich­na­mige Comic­heft her­aus­gibt. Die Prot­ago­nis­ten die­ses tra­di­ti­ons­rei­chen Hef­tes sind die drei Abra­faxe, die jeder, der in der DDR auf­ge­wach­sen ist, kennt. Kurz und gut: Die Zei­tung, für die ich arbei­tete, ging irgend­wann ein, aber der Kon­takt zum Mosaik blieb. Ein paar Jahre spä­ter erschien dort das erste von mir kon­zi­pierte und geschrie­bene Abum Hol­ly­wood Pur­suit. Wei­tere folg­ten. Ins­ge­samt war ich Autor von 9 Alben, 3 Serien und vie­len Ein-Sei­ten-Comics. soge­nann­ten one pagers.

Helge: Es gibt noch ganz alte Bücher von mir, in die ich als Kind ver­schie­dene Mons­ter und Wesen mit Fil­zern rein gemalt habe. Naja, „Bücher“ klingt jetzt wohl etwas zu dick auf­ge­tra­gen. Es sind wohl eher zusam­men­ge­tackerte Zettel. 😉
Ich beschäf­tige mich also schon seit jeher mit dem Zeich­nen. Mir war aber eigent­lich nie bewusst, dass man so etwas auch beruf­lich machen könnte. Wie gefühlt alle Ber­li­ner, wollte ich aber auch etwas „Krea­ti­ves“ machen. Also habe ich erst mal Gra­fik­de­sign gelernt. Neben­bei hab ich im Inter­net ein biss­chen was auf Comic­por­ta­len ver­öf­fent­licht (Inkplo­sion) und mich auch an Musik­vi­deos ver­sucht. Ach, und in einer Band hab ich auch lange gespielt und eine Zeit­lang Beats für Ber­li­ner Unter­grund­rap pro­du­ziert. Ich schweife ab... Jeden­falls sieht man: der Weg stand nie so rich­tig fest. Und so war dann auch mein ers­ter Job in einer Video­spiel­firma, als Cha­rak­ter­de­si­gner, Kon­zept­zeich­ner und Tex­tu­rie­rer. Dort hab ich Sascha Wüs­te­feld ken­nen­ge­lernt, mit dem ich dann ein Jahr spä­ter zusam­men mit Huber­tus Mad Sonja für Carl­sen und spä­ter Dis­ney ent­wi­ckelt habe.

BK: Helge, du illus­trierst auch für Ver­lage wie Carl­sen und Dis­ney – wie kann man sich die Arbeit in die­ser Bran­che vorstellen?

Helge: Ich glaube, es ist schon recht schwer, sich in die­ser Bran­che zu behaup­ten. Es gibt so viele gute Zeich­ner, aber nicht so viele, die davon leben kön­nen. Deutsch­land ist auch nicht gerade ein gro­ßes Comic­land. Des­halb bin ich froh, dass ich als zwei­tes Stand­bein die Buch­co­ver habe. Es ist schon so, als ob ein Kind­heits­traum wahr­ge­wor­den ist: Ich male Mons­ter, Geis­ter, Dra­chen, ???-Cover und bekomme auch noch Geld dafür. Die Kehr­seite ist aber, dass man sich auch noch nach Fei­er­abend damit beschäf­tigt und oft am Wochen­ende arbeitet.

BK: „Dis­ney“ ist auch ein Thema, mit dem wir uns für diese Aus­gabe beschäf­ti­gen – schaut ihr selbst gerne Dis­ney-Filme? Wenn ja: wel­cher ist euer Lieb­lings­film? Und warum dieser?

Huber­tus: Wer den Namen Dis­ney hört, denkt natür­lich als ers­tes an Micky Maus, Donald Duck und die vie­len Zei­chen­trick­filme. Und unter den letz­te­ren gibt es ja auch echte Klas­si­ker. Mein Dis­ney-Lieb­lings­film aber ist „20.000 Mei­len unter dem Meer“. Es war Dis­neys ers­ter life action movie, also Real­film mit damals sehr bekann­ten Dar­stel­lern wie James Mason oder Peter Lorre. Alles, für das man sich als Junge begeis­tern konnte, kam darin vor: ein Tauch­boot namens Nau­ti­lus, das an ein See­unge­heuer erin­nerte; Aben­teuer in einer blau schim­mern­den Unter­was­ser­welt, ein Rie­sen­krake, tro­pi­sche Land­schaf­ten und eine geheim­nis­volle Insel. Bestimmte Bil­der hat­ten auf mich eine gera­dezu sug­ges­tive Wir­kung. Zum Bei­spiel die Beer­di­gung eines bei einem Gefecht ums Leben gekom­me­nen Besat­zungs­mit­glieds der Nau­ti­lus, bei dem die Kame­ra­den des Getö­te­ten mit ihren schwe­ren Tau­cher­an­zü­gen – die Unter­was­ser­auf­nah­men waren echt – über den Mee­res­grund schrei­ten. So etwas wollte man nicht nur sehen, son­dern sel­ber erle­ben. Viel­leicht gab mir die­ser Film den ers­ten Anstoß dazu, spä­ter sel­ber See­mann zu wer­den. Zwar nur für drei Jahre, aber immerhin. 🙂

Helge: Natür­lich liebe ich Dis­ney-Filme. Als Zeich­ner mag ich vor allem die alten 2D-ani­mier­ten Filme und finde es sehr schade, dass nach „Küss den Frosch“ keine tra­di­tio­nel­len Zei­chen­trick­filme mehr pro­du­ziert wur­den. Rich­tig cool ist aber auch die neue com­pu­ter­ani­mierte Rapun­zel-Ver­sion „Neu ver­föhnt“. Es ist gut, dass Dis­ney in den neue­ren Fil­men oft mit den Kli­schees bricht und die Cha­rak­tere neu inter­pre­tiert. In die­sem Zusam­men­hang fällt mir auch noch „Ver­wünscht“ ein, obwohl es sich dabei ja um einen Real­film han­delt. Selt­sam, dass man bei Dis­ney-Fil­men immer zuerst an die Trick­filme denkt, dabei gibt es ja wahr­schein­lich viel mehr Dis­ney-Filme mit Schauspielern.

BK: Immer wie­der kommt die Frage auf, ab wann eine Gra­phik Novelle eine Gra­phik Novelle und kein Comic mehr ist. Wo liegt, eurer Mei­nung nach, der Unter­schied? Ist „Ali­sik“ eher ein Comic oder eine Gra­phik Novelle?

Huber­tus: Ach, ich weiß nicht, ich halte von die­ser Tren­nung in Comic oder gra­phic novel, also Gra­phik Novelle, nicht viel. Ich glaube, diese Tren­nung ist nur des­halb ein­ge­führt wor­den, um poten­ti­elle Käu­fer, die bei dem Wort Comic nur an quietsch­bunte Hefte mit Super­hel­den den­ken, an den soge­nann­ten anspruchs­vol­len Bild­ro­man her­an­zu­füh­ren. Woge­gen ja im Grunde auch nichts ein­zu­wen­den ist. Was mich nur daran stört ist diese unter­schwel­lige Unter­schei­dung in höher­wer­ti­ges gra­fi­sches Erzäh­len auf der einen und anspruchs­lose Bunte-Bil­der-Unter­hal­tung auf der ande­ren Seite. Aber wer sagt denn, dass eine klug erdachte, gra­fisch her­vor­ra­gend umge­setzte Spi­der­man-Geschichte nicht genau so gut ist wie, sagen wir mal, ein Schwarz-Weiß-Bild­ro­man über den Nah-Ost-Kon­flikt? Aber gut, neh­men wir die Sache nicht wich­ti­ger als sie ist. Ali­sik jeden­falls würde ich trotz des rela­tiv hohen Text­an­teils als Comic bezeichnen.

Helge: Ich denke auch, dass Ali­sik eher ein Comic ist. Man­che sagen auch Manga. Der Begriff Gra­phic Novel ist in Deutsch­land ja noch recht neu und es ist immer wie­der ein belieb­tes Thema unter den Zeich­nern, ob diese neue Bezeich­nung eher hilft oder scha­det. Denn natür­lich sind jetzt diese Gra­phic Novels in den Feuil­le­tons der Zei­tun­gen, aber andere Comics schei­nen dadurch auch abge­wer­tet zu werden…
Ich würde Gra­phic Novel jetzt als anspruchs­vol­ler Comic inter­pre­tie­ren. Meist schwarz / weiss, oft bio­gra­fisch und „künst­le­ri­scher“ bzw. „gra­fi­scher“ als „nor­male“ Comics. Man sieht schon daran, wie viele Gän­se­füß­chen ich benutze: Ich weiß es auch nicht so genau. Neu­lich auf der Buch­messe in Frank­furt meinte z. B. jemand zu mir, dass eine Gra­phic Novel die Comic­um­set­zung eines Buches sei. Der erste Band von Ali­sik war übri­gens in den letz­ten Mona­ten schon drei­mal Platz 1 in den Gra­phic Novel Charts. Also ver­gesst alles, was ich davor gesagt habe… 😉

BK: Lest ihr auch gerne Comics und Gra­phik Novel­len? Wenn ja, welche?

Helge: Als Zeich­ner habe ich eine Zeit lang immer nur Comics gekauft, die gut gezeich­net waren. Diese waren aller­dings inhalt­lich oft nicht so. Des­halb hab ich ange­fan­gen mich auf ame­ri­ka­ni­schen Blogs und Web­sei­ten und vor allem durch Pod­casts, die ich immer schön wäh­rend des Zeich­nens hören kann, über Comics zu infor­mie­ren. Dadurch bin ich auf High­lights wie Watch­men (nicht gerade ein Geheim­tipp 😉 ), Y – The last Man, Fables, Wal­king Dead oder zuletzt Saga und einige Bat­man-Hefte, aber auch Man­gas wie Death Note oder Skull Party auf­merk­sam geworden.

Huber­tus: Wer sel­ber Comics macht, liest natür­lich auch gerne Comics, klar. Hier mal eine kleine Liste mei­ner Lieb­lings-Comics bezie­hungs­weise Lieb­lings-gra­phic novels 😉 aus jün­ge­rer Zeit: Fables von Bill Wil­ling­ham, North­lan­ders von Brian Wood, Wave and Smile von Arne Jysch, Ghost World von Daniel Clo­wes, alles von den Ber­li­ner Zeich­nern Flix und Mawil. Meine all time favo­ri­tes sind Tim und Struppi, Spi­rou und Fan­ta­sio, natür­lich Mosaik-Figu­ren wie Dige­dags und Abra­faxe, Jimmy Corri­gan, Thor­gal und XIII. Und natür­lich Aste­rix. Nach dem letz­ten Band gibt es ja auch beim tap­fe­ren Gal­lier wie­der einen Hoff­nungs­schim­mer am Horizont.

BK: Huber­tus, du hast Sze­na­rien für ver­schie­dene Ver­lage, dar­un­ter MOSAIK Stein­chen – für – Stein­chen und Dis­ney, geschrie­ben und kon­zi­piert. Kannst du uns ein wenig dar­über erzählen?

Huber­tus: Über Mosaik habe ich ja schon eini­ges erzählt (siehe oben). Obwohl mir die Arbeit im und für den Ver­lag sehr viel Spaß gemacht hat und der Her­aus­ge­ber Klaus D. Schlei­ter auch wirk­lich ein tol­ler Chef ist, wollte ich mal etwas ande­res aus­pro­bie­ren. Also schloss ich mich 2003 mit dem ehe­ma­li­gen Mosaik-Zeich­ner Sascha Wüs­te­feld zusam­men, spä­ter kam Helge hinzu und gemein­sam kre­ierten wir eine Comic-Serie mit dem Titel Mad Sonja. Zunächst inter­es­sierte sich Carl­sen für die Serie, spä­ter wurde sie an Dis­ney in Ita­lien ver­kauft. Dort brachte sie es auf sechs Aus­ga­ben, dann wurde sie lei­der ein­ge­stellt. Eine andere Sache, die mir gro­ßen Spaß macht, ist eine kleine Kin­der­buch­reihe, die ich gemein­sam mit dem Zeich­ner Mario Kuch­inke-Hofer ent­wi­ckelt habe. Zwei Bücher sind in dem Dresd­ner Alwis-Ver­lag bis­her erschie­nen: „Lisa und der Weih­nachts­ro­bot“ und „Lisa und die Insel der 1000 Aben­teuer“. Das dritte ist gerade in Arbeit. Erstaun­lich, aber wenn ich die ver­schie­de­nen Auf­trag­ge­ber so ver­glei­che, stelle ich immer über­rascht fest, dass man wäh­rend der Arbeit selbst gar nicht so sehr merkt, ob man für einen gro­ßen oder klei­nen Ver­lag arbei­tet. Erst wenn das Werk erschie­nen ist, zeigt sich der Unter­schied. Die klei­nen Ver­lage schaf­fen es kaum, dein Buch in den Buch­hand­lun­gen unter­zu­brin­gen; wäh­rend die gro­ßen auf Grund ihrer Mar­ke­ting­power dafür sor­gen kön­nen, dass du auch von jedem in Frage kom­men­den Käu­fer wahr­ge­nom­men wirst und die Reso­nanz ent­spre­chend ungleich grö­ßer ist.

BK: Wel­ches eurer eige­nen Pro­jekte liegt euch beson­ders am Her­zen und warum?

Huber­tus: Jedes Pro­jekt, an dem man arbei­tet oder gear­bei­tet hat, liegt einem am Her­zen. Man ent­wi­ckelt dabei so eine Art Mut­ter­ge­fühl. Das jüngste Kind bezie­hungs­weise Pro­jekt mag man immer ein biss­chen mehr als die schon etwas älte­ren. Also im Moment ist natür­lich Ali­sik unser Nest­häk­chen, das viel Liebe und Zuwen­dung braucht. 🙂

Helge: Das ist natür­lich Ali­sik, die erste Comic­se­rie, die ich als Zeich­ner und Co-Autor mit­er­schaf­fen habe. Es ist schon toll, wie die ein­zel­nen Figu­ren über die Jahre zum Leben erweckt wur­den. Ha, ha. Die toten Prot­ago­nis­ten wur­den zum Leben erweckt…
Das ist schon etwas Beson­de­res und es steckt viel von einem selbst darin. Man kann sagen, ich stehe mit Ali­sik zusam­men auf und sie geis­tert noch im Kopf, wenn ich schla­fen gehe, so sehr beschäf­tigt sie mich den gan­zen Tag.
Auch ein schö­nes Pro­dukt ist ein „Meine Freunde“ Buch für den Loewe-Ver­lag, bei dem ich mich mal im Welt­all aus­to­ben konnte.
Ein sehr aktu­el­les Buch, wel­ches ich mit kind­li­chen Zeich­nun­gen und „Fotos“ illus­trie­ren durfte ist „Die abso­lut unglaub­li­chen und zu 113% wah­ren Aben­teuer des Cor­ne­lius Delano Tuckerman“(Ueberreuter). Ein biss­chen stolz bin ich natür­lich auch auf meine Mit­ar­beit an den Dis­ney und Pixar-Comics „Rata­touille“, „Oben“ und „Küss den Frosch“. Nicht zu ver­ges­sen „Percy Jack­son“, was wahr­schein­lich das erfolg­reichste Buch ist, für das ich ein Cover malen durfte (Carl­sen).
Ich hab auch ein paar T‑Shirts für Adi­das gemalt und einige schöne CD-Cover. Und… Ach, reicht ja erst mal… 😉

BK: Wie kam es zu der Zusam­men­ar­beit am Pro­jekt „Ali­sik“?

Huber­tus: Helge und ich hat­ten uns bei der Arbeit an Mad Sonja ken­nen­ge­lernt. Er war der Colo­rist der Serie und hat ihr die­sen unver­wech­sel­ba­ren Farb­stil gege­ben. Da er auch ein begna­de­ter Zeich­ner ist, wollte er sel­ber mal einen Comic zu machen. Noch wäh­rend der Arbeit an Mad Sonja hatte er Bil­der von einem Mäd­chen gezeich­net, das eines Tages auf einem Fried­hof erwacht. Wes­halb und wie sie dahin gekom­men ist, war noch völ­lig unklar. Das war jeden­falls die Grund­idee, aus der wir Schritt für Schritt dann gemein­sam die Sto­ry­line ent­wi­ckelt haben.

Helge: Ich hatte vor, einen klei­nen Zei­chen­trick­film zu machen. Hier­für ent­warf ich Ali­sik und den Fried­hof, die ich auch schon in klei­nen Sequen­zen ani­mierte. Jochen „Vir­gill“ Feld­köt­ter pro­du­zierte die tolle Musik dafür. Ich zeigte die Sachen Huber­tus und wir ent­schlos­sen uns, dar­aus einen Comic zu machen. Viel spä­ter griff ich diese Ani­ma­tio­nen noch mal auf und dar­aus wur­den die Trai­ler für Alisik.

BK: Woher kamen die Ideen zu den Prot­ago­nis­ten die­ser Geschichte?

Huber­tus: Außer Ali­sik hatte Helge damals auch schon einige der Figu­ren gezeich­net, die wir dann spä­ter in unse­rer Geschichte als die Post­mor­ta­len bezeich­ne­ten. Wir haben sie dann ent­spre­chend der sich all­mäh­lich abzeich­nen­den Grund­idee noch etwas modifiziert.

Helge: Es war wich­tig, dass eine große Varia­tion von Cha­rak­te­ren auf dem Fried­hof haust. Sie soll­ten aus unter­schied­li­chen Epo­chen und Schich­ten stam­men und sich auch visu­ell stark von­ein­an­der unter­schei­den. Die Todes­ur­sa­che sollte teil­weise schon in der Dar­stel­lung erkenn­bar sein: Da ist der Gene­ral mit Loch im Bauch, der Pas­tor mit bren­nen­dem Kopf, ein Ske­lett, das den Schä­del abneh­men kann… Außer­dem sollte Ali­sik mit ihrem Alter und ihrer Art fri­schen Wind in die alte, ver­staubte Runde brin­gen. Sie ist die ein­zige auf dem Fried­hof, die in ihrem Leben schon mal ein Handy oder Face­book benutzt hat. Die ande­ren leb­ten ja z. T. vor der Erfin­dung des Rades… 😉 Naja, des Autos…

BK: Die Prot­ago­nis­ten wer­den als Tote anders dar­ge­stellt als zu der Zeit, in der sie gelebt haben. Der Hitz­kopf z.B. hat Flam­men auf dem Kopf, Frings sieht einem Artis­ten über­haupt nicht mehr ähn­lich, wäh­rend der Gene­ral fast mensch­lich und leben­dig wirkt. Wonach rich­tet sich die Ver­än­de­rung der Prot­ago­nis­ten? Ver­we­sen die Figu­ren über die Zeit? Warum sieht der Gene­ral dann noch immer so leben­dig aus?

Huber­tus: Ihre mate­ri­el­len Kör­per, also ihre frü­he­ren mensch­li­chen Hül­len, sind sicher­lich längst ver­west. Die Post­mor­tale sind jetzt so etwas wie mate­ria­li­sierte See­len. Und diese sind mit dem Tod halt Geset­zen außer­halb unse­rer Vor­stel­lun­gen von schön und häss­lich unter­wor­fen. Die jet­zige Erschei­nung sagt nichts über den wah­ren Wert eines Men­schen aus; jeder Mensch – ob tot oder leben­dig – ist ein­zig­ar­tig. Darin lag auch ein beson­de­rer Reiz: Man­che Figu­ren – wie zum Bei­spiel Frings – näm­lich so zu gestal­ten, dass sie nicht viel mit ihrem frü­he­ren Aus­se­hen zu tun haben und doch vom Leser als die akzep­tiert wer­den, die sie ein­mal waren. Aller­dings haben wir jedem von ihnen Attri­bute ver­passt, die irgend­was mit ihrem frü­he­ren Dasein zu tun haben. Frings ist zum Bei­spiel sehr gelen­kig, Hitz­kopf hat zur Erin­ne­rung an sei­nen Feu­er­tod immer diese Flamme auf dem Kopf und so wei­ter. Einige sind stark ver­frem­det; andere, wie zum Bei­spiel der Gene­ral, sehen – abge­se­hen von sei­nem gro­ßen Ein­schuss­loch im Bauch, noch immer so aus, wie zu frü­he­ren Zei­ten. Das hat, wie gesagt, kei­nen beson­de­ren Grund, jeden­falls kei­nen, den wir als Men­schen begrei­fen könn­ten. Für die Logik inner­halb der Geschichte spielt das auch keine Rolle.

Helge: Von Anfang an war uns klar, dass wir die Todes­ur­sa­che der Fried­hofs­be­woh­ner zei­gen woll­ten. Dadurch bekom­men die Cha­rak­tere mehr Tiefe und der Sprung in die Ver­gan­gen­heit schien uns auch visu­ell sehr reiz­voll. Bei eini­gen Figu­ren ist es eine ganz schöne Über­ra­schung, wenn man sie zum ers­ten Mal „leben­dig“ sieht. Z. B. die alte, kno­chige Oma, die auch mal ein schö­nes, jun­ges und ver­lieb­tes Mäd­chen war. Der Gene­ral dage­gen sollte schon in der Toten­welt eine gewisse Auto­ri­tät dar­stel­len, die seine Uni­form natür­lich unterstreicht…

BK: Hat der Name „Ali­sik“ eine beson­dere Bedeutung?

Huber­tus: Tja, ich weiß nicht... Helge, was meinst du? 😉

Helge: Ich sag mal „nein“. Das ist geheim…

BK: Auch Tat­too-Motive sind immer wie­der zu sehen – habt ihr selbst welche?

Huber­tus: Nein. Als Jugend­li­cher hätte ich gerne ein Tat­too gehabt, damals hieß das noch Täto­wie­rung. Die waren aber nicht halb so schön wie die heu­ti­gen, son­dern meis­tens kra­ke­lige, schlecht gesto­chene See­manns­grä­ber: ein Herz mit Kreuz und Anker.

Helge: Gut beob­ach­tet. Ich bin aber auch nicht täto­wiert, finde aber viele Tat­toos schon sehr cool. Aller­dings hätte ich mir natür­lich schon ein eige­nes Motiv täto­wie­ren las­sen und wenn ich mir über­lege, dass ich mir vor, sagen wir mal, 10 Jah­ren eine Zeich­nung hätte ste­chen las­sen und mir Sachen von damals angu­cke, bin ich froh, dass ich das nicht gemacht habe… (das kennt sicher jeder Zeichner)

BK: Warum wird „Todt“ mit „t“ geschrieben?

Huber­tus: Ein­fach um der Figur eine, sagen wir mal, mensch­li­che Dimen­sion zu geben. Bei einem Herrn Tot wür­den die meis­ten gleich an einen Sen­sen­mann den­ken. So aber macht es die Figur, die wir dann ja erst im letz­ten Band sehen (soviel dür­fen wir wohl schon ver­ra­ten) alleine durch den Namen zu etwas Beson­de­rem. Hoffe ich jedenfalls.

Helge: Wir ver­su­chen mit Bedeu­tung auf­ge­la­dene Begriffe wie Him­mel und Hölle zu ver­mei­den (Licht­welt und Schat­ten­reich). Genau so ver­hält es sich mit Herrn Todt. Man weiß zwar, was gemeint ist, hat aber einen ande­ren Begriff dafür.

BK: Inter­es­sant ist, dass einige Bil­der in den Vor­der­grund gestellt wer­den, wäh­rend andere unscharf im Hin­ter­grund sind – was habt ihr euch dabei gedacht?

Helge: Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich auch einige Erfah­run­gen mit Musik­vi­deos und Kurz­fil­men gemacht habe. Ich ver­su­che Ali­sik eher fil­misch auf­zu­bauen. So kann man z. B. mit einer Schär­fe­ver­la­ge­rung steu­ern, wohin die Auf­merk­sam­keit des Lesers gelenkt wird.

BK: Was hat es mit den Jah­res­zei­ten auf sich? Habt ihr eine Lieblingsjahreszeit?

Huber­tus: Zwei Gründe für die Jah­res­zei­ten: Ers­tens struk­tu­rie­ren wir damit die Geschichte, geben ihr einen zeit­lich über­schau­ba­ren Rah­men. Vier Hefte, vier Jah­res­zei­ten. Wobei der letzte Band schlicht Tot hei­ßen wird. Also: Herbst, Win­ter, Früh­ling, Tot. Der zweite Grund ist der, dass wir auf Grund der unter­schied­li­chen Jah­res­zei­ten auf dem Fried­hof auch unter­schied­lich Stim­mun­gen dar­stel­len kön­nen. Dem Heft sozu­sa­gen eine abwechs­lungs­rei­che Optik ver­pas­sen. Ein Grab, das im Win­ter unter einer Schnee­de­cke ruht, hat eine ganz andere Visua­li­tät als ein Grab­hü­gel, auf dem ein paar Früh­lings­blu­men blühen.
Für mich hat jede Jah­res­zeit ihren Reiz. Klar, der Novem­ber kann einem manch­mal ganz schön auf’s Gemüt schla­gen. Aber ein Spa­zier­gang über eine nebel­ver­han­gene Wiese oder durch einen ent­laub­ten Buchen­wald hat doch auch sei­nen Zauber.

Helge: Es ist auch ein­fach cool zu gucken, wie die Fried­hofs­be­woh­ner die ein­zel­nen Jah­res­zei­ten mit ihren Fes­ten ver­brin­gen: Ein Geist sein zu Hal­lo­ween? Weih­nach­ten auf einem Fried­hof? etc. Ursprüng­lich sollte Ali­sik vier­tel­jähr­lich raus­kom­men. Das haben wir aber lei­der nicht geschafft…
Meine Lieb­lings­jah­res­zeit ist der Som­mer. Aber arbei­ten macht bei schlech­tem Wet­ter am meis­ten Spaß.

BK: Ein zen­tra­les Thema ist, neben der Liebe, der Tod. Glaubt ihr an ein Leben nach dem Tod?

Huber­tus: Defi­ni­tiv nein. Ich bin ein hoff­nungs­lo­ser Athe­ist. Das bedeu­tet aber nicht, dass ich mich nach mei­nem Able­ben nicht gerne über­ra­schen lasse. 🙂

Helge: Eher nicht. Aber viel­leicht wer­den ja meine Atome eines Tages Nähr­stoff für eine Blume oder so…

BK: Zu „Ali­sik“ gibt es auch kurze Ani­ma­ti­ons­filme. Wie ent­steht so ein Film? Und wie lange dau­ert es bis er fer­tig ist?

Helge: Wie ich schon zuvor erwähnte, war Ali­sik ja ursprüng­lich als Ani­ma­ti­ons­film geplant. Es ist schon toll, wenn den Zeich­nun­gen auf ein­mal Leben ein­ge­haucht wird und Ali­sik ihre Augen öff­net. Es ist aller­dings sehr auf­wän­dig. Man muss beim Zeich­nen immer beach­ten, ob sich das danach auch bewe­gen lässt. Man­che Glied­ma­ßen malt man ein­zeln und ver­schiebt sie dann am Com­pu­ter, wie beim Lege­trick. Sehr wich­tig für die Atmo­sphäre sind natür­lich auch die Geräu­sche und die Musik, die Jochen Feld­köt­ter gemacht hat. Das eine Stück ist übri­gens eine groß­ar­tige Inter­pre­ta­tion von Bachs Schla­fes Bruder.
Die Pro­duk­tion jedes Fil­mes hat unge­fähr zwei Wochen gedauert.

BK: Ein Blick hin­ter die Kulis­sen: wie läuft es ab, wenn ihr an „Ali­sik“ arbeitet?

Huber­tus: Aus­ge­hend von der zuvor erar­bei­te­ten Sto­ry­line kon­kre­ti­siere ich zunächst die jewei­lige Szene und bre­che sie dann auf die ein­zel­nen Sei­ten und Panels – also die ein­zel­nen Bil­der – her­un­ter. Dazu fer­tige ich auch schon kleine Skiz­zen, soge­nannte Scribbles. Dann set­zen wir uns zusam­men und bere­den gemein­sam die Szene. Wenn wir uns dazu ver­stän­digt haben, beginnt Helge mit dem Zeichnen.

Helge: Gaaa­anz am Anfang haben wir uns mal zusam­men­ge­setzt und die Story ent­wi­ckelt, die wir dann auf 4 Hefte ver­teilt haben. Bevor wir mit der eigent­li­chen Arbeit begin­nen, bespre­chen wir noch mal die Szene, die dann in Sei­ten auf­ge­teilt und als „Thumb­nails“ an meine Wand gehängt wird. So wis­sen wir immer, was als nächs­tes pas­siert. Aus den Thumb­nails wer­den Sto­ry­boards, Huber­tus ent­wi­ckelt die Dia­loge, ich beginne mit der Zeich­nung. Jeden Diens­tag kommt Huber­tus zu mir ins Stu­dio und wir bespre­chen alles. Die ande­ren Tage arbei­ten wir allein, tele­fo­nie­ren oder schrei­ben uns aber.

BK: Sind wei­tere gemein­same Pro­jekte geplant?

Huber­tus: Man hat ja immer was in der Schub­lade, aber im Moment kon­zen­trie­ren wir uns erst ein­mal auf Alisik.

Helge: Wir haben ein paar Ideen, aber Ali­sik nimmt gerade schon sehr viel Zeit ein. Wahr­schein­lich muss man am Ende auch noch mal gucken, ob sich das Ganze gelohnt hat…

BK: Zum Schluss unsere „Bücher­stadt Kurier“-Spezial-Fragen: Wenn ihr ein Buch wärt, wel­ches wärt ihr?

Huber­tus: „Wie du dir, so ich mir“ von Woody Allen.

Helge: „Nicht­lus­tig“ von Joscha Sauer… 😉 Ne, viel­leicht „Peter Pan“?

BK: Wel­che Frage woll­tet ihr in einem Inter­view schon immer mal gestellt bekom­men? Und wie würde eure Ant­wort dar­auf lauten?

Huber­tus: Frage: Gra­tu­la­tion, Sie sind unser hun­derts­ter Inter­view­part­ner und bekom­men dafür eine Reise in die Süd­see. Neh­men Sie den Preis an? Ant­wort: Nur wenn mein Hund mit­kom­men darf.

Helge: Genau diese hier. Und meine Ant­wort wäre: Genau diese hier. Und meine Ant­wort wäre: Genau diese hier. Und… 😉

BK: Vie­len Dank, dass ihr euch die Zeit für ein Inter­view genom­men habt!

Huber­tus: Gerne doch.

Helge: Und natür­lich auch schö­nen Dank für die coo­len Fragen!

Die­ses Inter­view erschien erst­mals in der 11. Aus­gabe des „Bücher­stadt Kuriers“. 

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