Kennt man einen Menschen je wirklich?

Es gibt Kri­mis, bei de­nen der Mord nur die Ku­lis­se für ei­nen ex­zen­tri­schen Er­mitt­ler ist. Und es gibt Kri­mis wie „Broad­church“. Kel­ly und Chib­nall ha­ben in der Ro­man­fas­sung des bri­ti­schen TV-Hits die emo­tio­na­le Zer­stö­rungs­kraft ein­ge­fan­gen, die sich erst nach dem ei­gent­li­chen Ver­bre­chen ent­wi­ckelt.

„Nie­mand kommt rein nach Broad­church, und nie­mand kommt raus.“

Broad­church an der Süd­küs­te Eng­lands: Eine Klein­stadt, die vom Tou­ris­mus lebt und in der sich die Be­woh­ner ken­nen. Oder bes­ser zu ken­nen glau­ben. Denn ei­nes Mor­gens liegt am Strand die Lei­che des elf­jäh­ri­gen Dan­ny La­ti­mer. DI Alec Har­dy, ein neu­er Po­li­zist in der Stadt, muss her­aus­fin­den, wer aus der Ge­mein­de ihn um­ge­bracht hat. Da­bei kommt Har­dy, des­sen Kar­rie­re oh­ne­hin schon durch frü­he­re Fehl­schlä­ge be­las­tet ist, nicht in den Er­mitt­lun­gen vor­an. Denn je­der in der Stadt hat et­was zu ver­ber­gen, und je­der macht sich ver­däch­tig. War­um will Dan­nys Va­ter Mark nicht preis­ge­ben, wo er in der frag­li­chen Nacht ge­we­sen ist? War­um löscht Dan­nys bes­ter Freund alle Nach­rich­ten von sei­nem Com­pu­ter? Was weiß die kalt­her­zi­ge Frau aus dem Trai­ler­park, was der al­tern­de Zei­tungs­ver­käuBroadchurchfer, was der jun­ge Pries­ter? Nach und nach kom­men bei al­len Ver­däch­ti­gen Ge­schich­ten aus der Ver­gan­gen­heit ans Ta­ges­licht, die dar­an zwei­feln las­sen, ob man sei­ne Freun­de und Fa­mi­lie je wirk­lich kennt. Das fragt sich bald auch Dan­nys Mut­ter Beth, die nicht nur die Trau­er und Wut ver­ar­bei­ten muss. Mitt­ler­wei­le ist die Pres­se auf den Kinds­mord auf­merk­sam ge­wor­den und bringt noch mehr durch­ein­an­der...

Man soll­te mei­nen, „Broad­church“ ist vom The­ma ir­gend­wie schon ein­mal da­ge­we­sen, aber der Schein trügt. Na­tür­lich wer­den Kli­schees auf­ge­grif­fen, wie das des Er­mitt­lers mit ei­nem Ma­kel, oder der Ge­heim­nis­se wie aus der Klatsch­pres­se. Und auch Kinds­mord ist nicht neu in der Kri­mi­nal­li­te­ra­tur.
Je­doch ist es der Thriller-Autorin Kel­ly ge­lun­gen, die den Ro­man aus­ge­hend von Chib­nalls TV-Serie ge­schrie­ben hat, all das so zu­sam­men­zu­set­zen, dass es den Le­ser ins Herz trifft. Denn hier ist die Fa­mi­lie des Op­fers nicht nur die Ku­lis­se für die Er­mitt­lung, son­dern steht im Vor­der­grund. In­dem die Er­zähl­per­spek­ti­ve zwi­schen den Fi­gu­ren wech­selt, be­kommt man den größt­mög­li­chen Ein­blick in die Emo­tio­nen und Mo­ti­ve der be­trof­fe­nen Be­woh­ner von Broad­church. Auch das über­ra­schen­de Ende, das den Le­ser sprach­los macht, weiß die alt­her­ge­brach­ten Krimi-Muster neu zu in­ter­pre­tie­ren.
Fra­gen wer­den auf­ge­wor­fen, die sonst bei der Su­che nach dem Mör­der (die üb­ri­gens auch hier nicht zu kurz kommt) we­nig auf­kom­men: Wie geht man mit ei­nem so un­vor­stell­ba­ren Ver­lust um? Kann man je wirk­lich mit ei­ner per­sön­li­chen Tra­gö­die ab­schlie­ßen? Wem kann man trau­en, wenn je­der et­was ver­birgt?

„Wie die meis­ten Bri­ten hat­te ich die­se Se­rie schon im Fern­se­hen ge­se­hen und war re­gel­recht be­ses­sen da­von!“ (Erin Kel­ly)

„Broad­church – Der Mör­der un­ter uns“ ist die Ro­man­be­ar­bei­tung der Se­rie, die 2013 mit vie­len be­kann­ten Schau­spie­lern (u.a. Da­vid Ten­nant und Oli­via Co­le­man) das bri­ti­sche Pu­bli­kum be­geis­tert hat. Sonst ge­hen Film und Buch meist den um­ge­kehr­ten Weg, hier aber wird be­wie­sen, wo die Stär­ken des je­wei­li­gen Me­di­ums lie­gen: Die At­mo­sphä­re und das Tem­po sind in den acht Epi­so­den un­nach­ahm­lich be­bil­dert, die Schau­spie­ler und Schau­spie­le­rin­nen las­sen den Zu­schau­er nah an den Er­eig­nis­sen teil­ha­ben. Da­ge­gen ge­währt das Buch ei­nen tie­fen Blick in die Psy­che der Fi­gu­ren, wie es fil­misch kaum um­zu­set­zen ist. Wer zu­erst die Se­rie ge­se­hen hat, er­kennt die Sto­ry ziem­lich ge­nau wie­der, die Emo­tio­nen wer­den noch stär­ker wie­der auf­ge­wühlt. Wer zu­erst das Buch liest, kann sich an­schlie­ßend in das fil­mi­sche Broad­church be­ge­ben. Bei­de Me­di­en er­gän­zen sich per­fekt.
„Broad­church“ ist ein Buch, das den Le­ser kom­plett in Be­schlag nimmt – man kann es an ei­nem ver­reg­ne­ten Wo­chen­en­de ver­schlin­gen. Wer ei­nen ac­tion­rei­chen Kri­mi sucht, wird hier nicht fün­dig. Aber wer zu die­sem bri­ti­sche Who­dun­nit aus der obe­ren Liga greift, wird mit ei­ner Sto­ry be­lohnt, die ei­nen mit dem Be­en­den des Bu­ches nicht los­las­sen wird. Oft kann man den Wer­be­auf­kle­bern auf ei­nem Ro­man nicht trau­en, aber dies­mal muss ich mich dem Ur­teil an­schlie­ßen: Un­be­dingt le­sen!

Mai­ke
5

Broad­church – Der Mör­der un­ter uns, Chris Chib­nall & Erin Kel­ly, Ir­men­gard Gab­ler (Über­set­zung), Fi­scher, 2014

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