Ein Leben aus Lumpen

Lumpenroman

„Lum­pen­ro­man“ ist erst­mals 2010 im Carl Han­ser Ver­lag er­schie­nen. Die­ses Jahr ver­öf­fent­lich­te der Fi­scher Ver­lag die Ta­schen­buch­aus­ga­be. The­ma die­ses Bu­ches ist die Hilf­lo­sig­keit ei­nes Ge­schwis­ter­paa­res, des­sen El­tern bei ei­nem Un­fall ums Le­ben ge­kom­men sind.

Be­reits zu Be­ginn fasst Bi­an­ca, die Prot­ago­nis­tin die­ses Bu­ches, tref­fend zu­sam­men: „Jetzt bin ich Mut­ter und auch eine ver­hei­ra­te­te Frau, aber vor gar nicht lan­ger Zeit war ich eine Kri­mi­nel­le. Mein Bru­der und ich hat­ten un­se­re El­tern ver­lo­ren. In ge­wis­ser Wei­se recht­fer­tigt das al­les. Wir hat­ten nie­man­den. Und das al­les buch­stäb­lich von heu­te auf mor­gen.“
Bi­an­ca be­schreibt das neue Le­ben, das sie mit ih­rem Bru­der führt. Wie bei­de ver­su­chen, mit dem Ver­lust um­zu­ge­hen, wie sie die Schu­le schmei­ßen, um ei­nem Job nach­ge­hen zu kön­nen, wie sie Freun­de fin­den, die kei­ne wah­ren Freun­de sind, und wie sie in ge­wis­ser Wei­se zu Kri­mi­nel­len wer­den. Der All­tag ist ge­prägt von Ar­beit, De­pres­sio­nen, Trau­er, Leb­lo­sig­keit. Es ist, als wür­den sie nicht mehr le­ben, son­dern nur noch funk­tio­niert. Viel­leicht be­ginnt Bi­an­ca des­halb, mit den zwei Freun­den, die ir­gend­wann bei ih­nen ein­zie­hen, zu schla­fen. Um zu­min­dest kör­per­lich dem Le­ben nä­her zu sein als dem Tod. Vie­le In­ter­es­sen ha­ben die vier nicht – sie ver­su­chen, ir­gend­wie über die Run­den zu kom­men und las­sen sich täg­lich von Fil­men und Shows im Fern­se­hen un­ter­hal­ten.

Doch auch wenn Bi­an­ca ver­sucht, dem Le­ser ihr Herz zu öff­nen, ihre Ge­dan­ken­welt zu ver­brei­ten, scheint sie ei­nem sehr di­stan­ziert, vor­sich­tig, manch­mal so­gar kalt­her­zig. Wie viel Lie­be kann man ei­nem noch ge­ben, wenn man die wich­tigs­ten Men­schen in sei­nem Le­ben ver­lo­ren hat? Wie viel Le­bens­freu­de kann man aus­strah­len, wenn man nichts mehr zu la­chen hat? Ro­ber­to Bo­laño schafft es, ei­nen klei­nen Ein­blick in die Gefühls- und Le­bens­welt zwei­er Men­schen zu ge­ben, die den Sinn ih­res Le­bens ver­lo­ren ha­ben. Gänz­lich über­zeu­gen kann es je­doch nicht – da­für sind die 106 Sei­ten für ein so schwie­ri­ges The­ma dann doch et­was zu kurz.

Ale­xa
3

Lum­pen­ro­man, Ro­ber­to Bo­laño, Chris­ti­an Han­sen (Über­set­zer), Fi­scher, 2014

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