Das Kreuz mit der Kunst

„Die Macht der Ge­wohn­heit“ von Tho­mas Bern­hard – Pre­mie­re des Salz­bur­ger Lan­des­thea­ters

Was ist Kunst und was ist ihr Sinn? Zir­kus­di­rek­tor Ca­ri­bal­di ist der Über­zeu­gung, dass er mit sei­nen Kol­le­gen hohe Kunst in Form des Fo­rel­len­quin­tetts von Schu­bert ver­wirk­li­chen muss. Es drängt ihn da­na­ch, doch sei­ne Zir­kus­kol­le­gen sind dazu we­nig mo­ti­viert. Da er aber al­lein kein Quin­tett spie­len kann, ist er auf sie an­ge­wie­sen. Von die­sem Di­lem­ma, in­ne­ren und äu­ße­ren Zwän­gen und dem We­sen der Kunst er­zählt „Die Macht der Ge­wohn­heit“ von Tho­mas Bern­hard in der In­sze­nie­rung von Mar­co Dott.

Kunst ist Krieg – zu­min­dest für Ca­ri­bal­di (Mar­cus Bluhm) und sei­ne Ar­tis­ten. Wäh­rend der Zir­kus­di­rek­tor heh­re Idea­le im Kopf hat, scheint sich al­les ge­gen ihn zu ver­schwö­ren – sei­ne Cel­li, von de­nen er zwei für ver­schie­de­ne Wit­te­rungs­ver­hält­nis­se zur Aus­wahl hat, sei­ne Ge­sund­heit, die ihm in Form ei­nes Holz­beins und rheu­ma­ti­scher Rü­cken­schmer­zen in die Que­re kommt und sei­ne Mit­mu­si­ker, die ihn has­sen, fürch­ten und boy­kot­tie­ren. Je mehr Pro­ble­me auf­tau­chen, desto wü­ten­der und rück­sichts­lo­ser ver­folgt Ca­ri­bal­di sein Ziel. Mit Ty­ran­nei und Sa­dis­mus ver­sucht er, die Schön­heit der Mu­sik mit Ge­walt durch­zu­set­zen – ein Vor­ha­ben, das zum Schei­tern ver­ur­teilt ist.

So­wohl mensch­li­che Macht­kämp­fe als auch Ab­hän­gig­kei­ten und Zwang­haf­tig­keit wer­den in Bern­hards Stück wie auf ei­nem Ta­blett prä­sen­tiert und vor­ge­führt. Wäh­rend der Zir­kus­di­rek­tor sich in theo­re­ti­sche Den­kes­ka­pa­den ver­strickt und zu ein­fa­chen, prak­ti­schen Pro­blem­lö­sun­gen nicht mehr fä­hig ist, schafft es kei­ner sei­ner Ar­tis­ten, sich ihm zu ent­zie­hen und das Spiel um die Macht hin­ter sich zu las­sen. Ca­ri­bal­di ver­langt eine ab­so­lu­te Per­fek­ti­on, die we­nigs­tens un­mensch­li­ch, wenn nicht so­gar un­mög­li­ch ist. Nichts ist ihm gut ge­nug, und die Ar­tis­ten rä­chen sich, in­dem sie ihre Feh­ler noch ver­stär­ken – Müt­zen fal­len las­sen, Hus­ten, Ki­chern und das Kla­vier als Es­sens­ab­la­ge be­nut­zen.

Mar­co Dott in­sze­niert Bern­hards Stück zu­nächst als Be­zie­hungs­netz zwang­haf­ter Per­sön­lich­kei­ten – der Jon­gleur (Han­no Wald­ner) kann es sich nicht ver­knei­fen, mit sei­nem Ta­schen­tuch über­all Staub zu wi­schen, Ca­ri­bal­dis En­ke­lin, die Seil­tän­ze­rin (Ja­ni­na Ras­pe) hat ih­ren do­mi­nan­ten Groß­va­ter so in sich auf­ge­nom­men, dass sie im­mer wie­der stum­me Selbst­ge­sprä­che führt und sich selbst ta­delt, der Domp­teur (Axel Mein­hardt) trinkt und der Spaß­ma­cher (Wal­ter Sa­chers) ver­liert per­ma­nent sei­ne Müt­ze – ein Ver­hal­ten, das der Di­rek­tor ihm selbst an­trai­niert hat und das den Dik­ta­tor jetzt zur Weiß­glut treibt. Durch die Wie­der­ho­lung ein­zel­ner Sze­nen­se­quen­zen und skur­ri­le Spiel­ele­men­te wird die Ein­tö­nig­keit der Pro­ben und die Hier­ar­chie noch be­tont.

Die Büh­ne spie­gelt die­ses Spiel in Form und Far­be wi­der (Büh­ne und Kos­tü­me: Kat­ja Schin­dow­ski): Schie­fe lee­re Bil­der­rah­men hän­gen im Raum, wer sich hin­ter sie stellt, ist „aus dem Rah­men ge­fal­len“. Al­les ist schief, die Wän­de, der Bo­den, und al­les ist schwarz-weiß, denn für Far­be und Le­bens­freu­de ist in der Welt der Ar­tis­ten kein Platz und auch Ca­ri­bal­di denkt nur in Schwarz oder Weiß. Die Fi­gu­ren sind voll­kom­men ge­fan­gen in ei­ner Welt der Vor­stel­lun­gen und „schie­fen“ Re­geln und ma­chen sich selbst und ein­an­der da­mit das Le­ben zur Höl­le. Was wür­de pas­sie­ren, wenn auch nur ei­ner die­ses Sys­tem ver­las­sen und an­ders den­ken, füh­len und han­deln wür­de? Dann wäre das zwang­haf­te Quin­tett ge­schei­tert und es wür­den sich neue Wege zur Ver­än­de­rung auf­tun. Bis da­hin fühlt sich der Zir­kus­di­rek­tor als un­ver­stan­de­nes Ge­nie und ge­nießt sein Fo­rel­len­quin­tett al­lein – und in ei­ner vor­bild­li­chen Ver­si­on aus dem Ra­dio.

Bü­cher­bar­de Fre­de­rik
Bil­der: Anna-Maria Löf­fel­ber­ger

„Die Macht der Ge­wohn­heit“ von Tho­mas Bern­hard auf der Büh­ne 24 des Salz­bur­ger Lan­des­thea­ters bis zum 20.03.17. Kar­ten­re­ser­vie­run­gen: service@salzburger-landestheater.at.

Über Bücherbarde Frederik 3 Artikel
Bücherbarde Frederik studiert Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Kultur und ist als Märchenerzähler, Musiker, freier Journalist und im Verlagswesen tätig.

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